Nicht nur Bundeskanzler Merz, auch andere Politiker:innen und Wirtschaftsverbände mahnen an, dass wieder mehr gearbeitet werden müsse. Maßnahmen wie bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten für Rentner, Steuererleichterungen bei Überstunden, Streichung eines Feiertages etc. werden erwogen und teilweise beschlossen, um die Anreiz für Mehrarbeit zu erhöhen. Die Begründungen lassen sich in zwei Punkten zusammenfassen: (a) Die seit Jahren lahmende Wirtschaft soll wieder in Schwung kommen, und (b) ohne Mehrarbeit der derzeit aktiven Generation droht das ohnehin äußerst angespannte Rentensystem zu kollabieren. Diese Begründungen mag man noch als diskutabel hinnehmen, aber dazu später mehr.
Interessant wird es, wenn die Forderung nach Mehrarbeit verbunden wird mit einem Lamento über die geringe Leistungsbereitschaft der Gen Z, deren Insistieren auf einer „work-life-balance“ (eine Wortwahl, mit der Zuhörer wohl auch ein wenig negativ konnotierte „wokeness“ assoziieren sollen, was das Ansinnen in die Nähe eines Kulturkampfes rückt), dem Interesse an Homeoffice, Sabbaticals undsoweiter. Wenn Herr Merz ausruft „Wir müssen wieder mehr arbeiten!“, dürfte wohl insinnuiert sein, dass wir, die Boomer-Generation, sehr wohl wissen, was Arbeit ist und uns ins Zeug gelegt haben um zu erreichen, was wir heute haben, während ihr, die junge Generation ein fatale Tendenz habt, es euch im gemachten Nest gemütlich zu machen. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine Anmaßung, für die ich mich, selbst ein Boomer, fremdschämen muss. Weiter das Merz-Zitat: „Mit work-life-balance […] wird unser Wohlstand nicht zu halten sein.“ In der Tat, unser Wohlstand der Ü60 wird nicht zu halten sein, wenn ihr, die junge Generation auf work-life-balance Wert legt. Ja und? Was soll denn normativ aus dieser Feststellung folgen? Ihr müsst bitteschön eure Präferenzen ändern, damit wir unsere Ziele erreichen können?
Als Ökonom gehe ich von der Arbeitshypothese aus, dass junge Leute nicht weniger rational sind als ältere, das heißt: nicht weniger in der Lage, sich schlüssig im Sinne ihrer Präferenzen und Erwartungen zu verhalten. (Nun ja, mal abgesehen davon, dass es mit der Rationalität allgemein nicht so weit her ist.) Wer in seiner Präferenzfunktion ein etwas höheres Gewicht auf Freizeit und Muße und etwas weniger auf materiellen Konsum legt, dann ist das nicht zu kritisieren, es sind idiosynkratische persönliche Präferenzen, in die niemand, schon gar nicht der Staat, hereinzureden hat. Oder schwebt Herrn Merz ein paternalistisch-autoritärer Staat vor, der seine jungen Bürger:innen ein bestimmtes Arbeitsethos anerziehen will? Vielleicht so wie in China? Wohl eher nicht. Warum besteht denn ausgerechnet seitens einer Partei, die sich auf christliche Fundamente beruft, ein solches Ressentiment gegenüber Präferenzen, die qualitative Lebenszeit höher einschätzt als materielles Einkommen und Konsum? Jedenfalls hat der Lebenswandel Jesu ihm selbst keinen Wohlstand, und seinen Eltern keine Alterseinkünfte generiert, soweit ich weiß.
Lustigerweise ist es ja eben die Boomer-Generation, die scharenweise vorzeitig in den Ruhestand geht, und damit einen Teil der Probleme verursacht, für die die junge Generation bitteschön doch ihren Arbeitsethos ändern möge, um diese zu lindern. So sehr verschieden scheinen also die Präferenzfunktionen der älteren und jüngeren Generation gar nicht zu sein. Gut, vielleicht steckt ja auch dies hinter dem „Wir“ von Herrn Merz. Immer wieder gerne, so auch an dieser Stelle, erinnere ich daran, dass Effizienz im ökonomischen Sinn bedeutet, dass knappe Ressourcen möglichst so verwendet werden, dass der erzeugte Zustand den Präferenzen, also den Zielen, Wünschen, Bedürfnissen der Menschen möglichst gut entspricht. Es heißt nicht (zwingend), dass wir Ressourcen so verwenden, dass möglichst maximal produziert und konsumiert wird. Zwar ist es Frage der technischen Effizienz, dass keinerlei Verschwendung knapper Ressourcen betrieben wird, aber das berühmte Patero-Kriterium für allokative Effizienz geht von den subjektiven Bewertungen eines Zustands aus. Wenn also jemand einen Zustand präferiert, wo er/sie mit wenig auskommt, Zeit für sich hat, seine Arbeitszeit relativ frei und autonom gestalten kann und nach 30 Stunden Schluss ist – ja und? Ist doch großartig, dass so etwas heute möglich ist. Mir wurde von einem Bewerbungsgespräch berichtet, wo eine talentierte Softwareentwicklerin meinte, ihr würden 30 Stunden reichen, weil sie in der übrigen Zeit „gerne etwas mit Holz machen“ würde. Fantastisch, da hat jemand vielfältige Facetten im Leben entdeckt und weiß, wie man diese zur Entfaltung bringen kann, und setzt dies auch um.
Nun bedeutet Rationalität nicht nur schlüssiges (konsistentes) Handeln nach den eigenen Präferenzen, sondern auch den eigenen Erwartungen. Nun, man kann es der Gen Z nicht verdenken, dass dort keine allzu großen Erwartungen an die sozialen Sicherungssysteme bestehen, die sich die älteren Generationen einst ausgedacht haben. Insbesondere das Rentensystem funktioniert nur noch leidlich dank extrem hoher Milliardenzuschüsse aus dem Bundeshaushalt, über die kaum noch im Parlament diskutiert wird. Jahrzehntelang erleben wir eine parteiübergreifende Weigerung darüber nachzudenken, das Renteneintrittsalter systematisch und stetig zu erhöhen, Rentenansprüche nur noch im Sinne des Inflationsausgleichs steigen zu lassen, oder geschweige denn über umfassendere Reformen nachzudenken wie etwa Bürgerversicherung oder die Heranziehung aller Einkunftsarten (z.B. aus Kapital), nicht nur die aus Arbeit usw. Renter:innen stellen eine riesige Wählergruppe dar, auch der Medianwähler hat den Ruhestand schon im Blick und hofft, dass das System noch so lange gepäppelt wird, bis er davon profitieren kann. Politökonomisch haben wir also die klassische Ausbeutung der Minderheit (junge Generation) durch die Mehrheit.
Das System basiert im Kern auf dem (wachsenden) Arbeitseinkommen und dem Umstand, dass jede Frau mindestens 2,1 Kinder haben muss, damit es keine demographische Schieflage gibt. Wenn nun die junge Generation sagt: „Papa/Opa, dieses System ist völlig irre, funktioniert nur noch auf Pump, und ihr wollt nicht mal über umfassende Reformen nachdenken, erhöht sogar noch Ansprüche der Rentner (Mütterrente), und wollt nun, dass ich erheblich mehr arbeite, um eure derzeitigen Ansprüche zu sichern, während meine eigenen Ansprüche in 30-40 Jahren mehr als zweifelhaft sind, falls dieses System bis dahin nicht zusammengebrochen ist? Da würde ich mal sagen: F*ck dich!“ Eine absolut schlüssige Reaktion.
Ohne Zweifel ist die junge Generation in einen nie dagewesenen Wohlstand hineingeboren worden, der im Wesentlichen nach dem zweiten Weltkrieg erarbeitet wurde. Auf der anderen Seite müssen wir sehen, dass dieser Wohlstand alles andere als nachhaltig ist, sondern im Grunde Ergebnis eines sorglosen Abbrennens eines kolossalen fossilen Feuerwerks ist, beruhend auf einem Produktionsmodell, welches sich nicht schnell genug ändern lässt, um noch innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben. Zudem ist die öffentliche Infrastruktur, welche die Zukunftschancen der jungen Generation maßgeblich beeinflusst, seit Jahrzehnten verrottet, nachdem in den 1990er Jahren sich das neoliberale Mantra festgesetzt hat, dass der Staat doch gar nicht zu unternehmerischem Handeln fähig sei, und man lieber die Investitionen des privaten Marktes fördern bzw. staatliche Leistungen privatisieren solle. Seit Jahren liegen öffentliche Investitionen unterhalb der Abschreibungen, der öffentliche Kapitalstock sinkt also. Wie unendlich schwierig es ist, jetzt wieder aufzuholen, zeigt sich an der Deutschen Bahn. Ich denke daher nicht, dass es Vertretern der Boomer-Generation zusteht, mit moralischem Zeigefinger von oben herab der Jugend zuzurufen, man möge doch gefälligst sich am Riemen reißen, die Ärmel hochkrempeln, usw.
Zurück zu den Präferenzen. Wir haben gesehen, dass das Argument eines durch Mehrarbeit zu stabilisierende Rentensystems nicht zieht: Wenn man sehenden Auges nicht bereit ist, ein marodes System umfassend zu reformieren, jeder noch so zaghafte Versuch in diese Richtung sofort von irgendeiner Seite niedergeschrien wird, ein System, über dessen Funktionieren in 40 Jahren sich die junge Generation keinerlei Illusionen macht, dann lässt sich daraus keine moralische Verpflichtung der jungen Generation zu Mehrarbeit ableiten. Jede andere Abwägung zwischen Konsum und Freizeit als die eigene verdient zudem denselben Respekt vor der Autonomie des Individuums.
Dann bleibt noch das Argument, dass „die Wirtschaft wieder in Schwung kommen muss“. Nun ist das Thema des ständigen BIP-Wachstums mehrtausendfach diskutiert worden und ich bin der Wiederholung etwas müde. Aber wenn man sich mal mit makroökonomischen Wachstumsmodellen beschäftigt hat und deren Gleichgewichtsbedingungen (steady-state), so kommt man schnell darauf, dass auch hier wieder die Präferenzen der Haushalte eine tragende Rolle spielen. Positive steday-state-Wachstumsraten – wo eine Stagnation wie derzeit eine unerwünschte Abweichung darstellt – erhält man nur unter der Annahme von Nichtsättigung und konstanter intertemporaler Substitutionselastizität. Auch wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, es sind spezielle Annahmen über die Präferenzen der Haushalte bezüglich des Konsums. Aber die sind nicht in Stein gemeißelt. Niemand hindert uns daran anzunehmen, dass bezüglich Konsum eine abnehmende Substitutionselastizität vorhanden ist, für Freizeit hingegen nicht. In diesem Fall wäre ein steady-state durch Nullwachstum charakterisiert. Etwaiger technischer Fortschritt würde in erster Linie verwendet um weniger zu arbeiten statt mehr zu produzieren. Was wäre, wenn die Gen Z uns vor Augen führt, dass eben dies vielleicht der Fall sein könnte? Effizienz – im oben beschriebenen Sinn – ist die normative Implikation der Grundannahmen der VWL, nicht etwa stetiges Wachstum als solches. Dass die Volkswirtschaftslehre doch zeige, dass die Wirtschaft stetig wachsen müsse – nun, das ist ein Märchen von mathematisch wenig bewanderten Marktschreiern. Ein Wachstumszwang besteht nur dann, wenn wir uns auf institutionelles Design einigen, dessen Finanzierung auf Wachstum und zumindest gleichbleibende Population angewiesen ist. Das ist ungefähr so, als würde ich darauf bestehen, das man auf der Autobahn mit 220 km/h rasen müsse. Warum dies? Nun, weil ich meinen Fuß mit Sekundenkleber am Gaspedal festgeklebt habe. Ach so, das ist natürlich sehr einleuchtend und verpflichtet auch alle kommenden Generationen.
Wenn man schon möchte, dass „die Wirtschaft wieder in Schwung kommt“, dann bitte in dem Sinn, dass man keine Angst vor dem Strukturwandel hat, den Menschen ermöglicht, die ökologische Transformation zügig voranzutreiben statt sie daran zu hindern, keine Besitzstandswahrung betreibt, wirtschaftliche Machtpositionen auflöst, Unternehmertum respektiert und Gründungen fördert. Ob dann am Ende BIP-Wachstum herauskommt oder aber nicht – sch**ß der Hund drauf, warum sollte mich das interessieren?
Ich für meinen Teil bin jedenfalls gespannt, wie die junge Generation, zu der meine Kinder gehören, Wirtschaft und Gesellschaft transformieren wird. Die allerbesten Vorbilder haben sie in uns ja leider nicht. Es bleibt mir nur, auf ihre Kreativität und ihren Eigensinn zu hoffen und ihnen Mut zu wünschen, den wir nicht hatten.
