Schlagwort-Archiv: Freiheit

Europäischer Emissionshandel – für eine unabhängige Institution

Die Idee des Emissionshandels ist einfach und effektiv: Wer CO2 emittiert und so zu einer der gravierendsten globalen externen Effekte beiträgt, dem Klimawandel, muss dafür einen entsprechenden Preis bezahlen, der zumindest teilweise die externen Grenzkosten internalisiert, und so zu einem funktionierenden Preissystem beiträgt, welches relative Knappheiten widerspiegeln soll und für eine Marktwirtschaft essentiell ist. Eine CO2-Steuer würde ähnlich wirken, jedoch ist der daraus resultierende Mengeneffekt (eingesparte Emissionen) ungewiss. Hingegen setzt der Emissionshandel direkt auf eine Steuerung der Emissionsmenge, vorausgesetzt, dass es eine entsprechende Verpflichtung gibt, dafür Zertifikate vorweisen zu müssen. Der Pfad der jährlich zur Verfügung stehenden Zertifikate sinkt geplant im Zeitablauf ab, so dass perspektivisch diejenige Menge an CO2 emittiert wird, die dem sog. CO2-Budget entspricht, welches man im Zeitverlauf ausschöpfen kann, um – nach derzeitigem Kenntnisstand – noch im Rahmen eines bestimmen Temperaturziels zu bleiben. Falls sich die Mehrzahl der anderen relevanten Länder zu ähnlichen Politiken verpflichten. Die deutschen bzw. selbst die europäischen Emissionen sind quantitativ nicht so bedeutend, dass deren Einsparung, bei gleichzeitigem „business as usual“ aller anderen Länder ein nennenswerter Klimaeffekt ergeben würde. Eben dieses Trittbrettfahrerverhalten ist ja das Problem globaler öffentlicher Güter. Anders als innerhalb eines Nationalstaates gibt es hier leider keine bindenden, d.h. sanktionierenden Mechanismen, wenn man sich nicht an die Versprechen des Pariser Klimaschutz-Abkommens hält. Man kann, wie die USA, auch einfach aus dem Abkommen austreten.

Eine Selbstbindung einzelner Staaten, etwa durch Klimaschutzgesetze, ist schon eher möglich. Aber auch hier können diese wieder geändert werden, und die Durchsetzung dieser Gesetze, d.h. deren Bindungswirkung setzt funktionierende demokratische Institutionen voraus. Hier gab es in Deutschland in 2021 ein bahnbrechendes Urteil des BVerfG, welches das Klimaschutzgesetz als unzureichend und somit verfassungswidrig beurteilt hat, weil dadurch intertemporal Freiheitsrechte künftiger Generationen beeinträchtigt würden. Dies war auch in ökonomischer Hinsicht sehr klug argumentiert: negative Externalitäten beeinträchtigen nicht nur Menschen in anderen Ländern, sondern auch zu späteren Zeiten. Und mit „beeinträchtigen“ sind nicht irgendwelche Unpässlichkeiten gemeint, sondern Grundfreiheiten, sein Leben zu gestalten, wenn der Zugang zu essentiellen Ressourcen kaum noch möglich ist. Die historischen extremen Hitzewellen m Frühsommer 2026 geben einen kleinen Vorgeschmack, wie die Lebensbedingungen künftiger Generationen (bzw. der Generation der derzeit lebenden Kinder und jungen Erwachsenen) aussehen wird. Sie zahlen den ökonomischen Preis in Form von Hitze, Wasserknappheit, Dürren, Überschwemmungen für die unbesorgten Lebensfreuden des fossilen Wohlstandes des 20. Jahrhunderts.

Wenn also der Gesetzgeber und die Gerichte es ernst meinen mit der Selbstbindung an eine Politik des Klimaschutzes, und eines der zentralen Elemente, der Emissionshandel, auf europäischer Ebene angesiedelt ist, dann ist es sehr beunruhigend, dass in jüngster Zeit von Ausnahmen und Aufweichungen beim europäischen Emissionshandel die Rede ist. Grund ist die prekäre Lage der europäischen Industrie, die Wachstumsschwäche, die Wettbewerbsnachteile z.B. gegenüber China. Und als ein Teil dieser Wettbewerbsnachteile werden die (fossilen) Energiekosten und damit auch die Kosten der Emissionszertifikate ausgemacht. Allein der Umstand, dass man über solche Aufweichungen nachdenkt aus Rücksicht auf die Interessen von Industrieverbänden, vor allem solcher energieintensiver Branchen, lässt doch erhebliche Zweifel an der Selbstbindungsfähigkeit aufkommen. Künftige Generationen und derzeit lebende Kinder haben in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen weder Mitsprache noch Vetorecht. Auf europäischer Ebene ist es eher unwahrscheinlich, dass sich der EuGH gegen solche Maßnahmen verwahrt auf der Basis europäischer Grundrechte. Es wird wohl darauf hinauslaufen: „Wir müssen wachsen, daher müssen wir hier einen kleinen Kompromiss beim Klimaschutz machen.“ Mal sehen, wer diesen Satz zuerst sagt. Es hat sich nach 50 Jahren noch nicht herumgesprochen, dass ökologische Nachhaltigkeit eine dynamische Bedingung langfristiger effizienter wirtschaftlicher Prozesse ist.

Wenn man wissen will, wie man institutionelle Vorkehrungen treffen kann um Bindung an gewisse Normen und Glaubwürdigkeit zu gewährleisten, kann man sich die Europäische Zentralbank anschauen. Wie bereits schon die Deutsche Bundesbank ist diese in ihrer Politik unabhängig, d.h. nicht weisungsgebunden, und (per Gesetz) primär dem Inflationsziel verpflichtet. Sie ist autonom bezüglich der Wahl der Mittel, wie sie dieses Ziel zu erreichen gedenkt, aber sie ist dabei nicht dem Druck des tagespolitischen Geschäfts anderer Politikfelder ausgesetzt, die vielleicht von der Geldpolitik gewisse Kompromisse und Rücksichtnahmen auf Interessen anderer einfordern wollen. Das Inflationsziel wird als zu wichtig erachtet, als dass man es dem Kompromissdruck des tagespolitischen Machtspiels aussetzen möchte.

Es ist deshalb ein konkreter Vorschlag, beim Klimaschutz einen ähnlichen Weg zu gehen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind mindestens genauso relevant für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung wie niedrige Inflation. Hätten wir eine europäische Institution (ähnlich der EZB), deren Mandat klar vorgegeben ist, nämlich den Emissionspfad so zu gestalten, dass Europa im Rahmen seines CO2-Budgets bleibt und somit sein Klimaziel erreichen kann, dann würde die Entscheidung über die Emissionszertifikate allein dieser Institution obliegen. Vorzugsweise sollten dann aber ausnahmslos alle Sektoren, in denen fossile Energien eingesetzt werden (Energie, Industrie, Verkehr, Gebäude), zur Vorhaltung entsprechender Zertifikate verpflichtet sein. Da perspektivisch alle Zertifikate auktioniert werden, d.h. nicht erst auf dem Sekundärmarkt einen Preis erhalten, wenn sie erstmals gehandelt werden, würden die Einnahmen (vergleichbar mit der Seignorage der EZB) dieser, nennen wir sie mal: Europäischen Emissionsbank zufließen. Da das Ziel der CO2-Bepreisung die Internalisierung externer Kosten ist, also eine Korrektur des Preissystems, und eben nicht (!) fiskalische Ziele, befürworten Ökonomen mehrheitlich die pauschale Rückgabe der Einnahmen an die Bürger. Der negative Einkommenseffekt der Verteuerung fossiler Brennstoffe wird so kompensiert, der Substitutionseffekt durch Änderung der Relativpreise bleibt. Dies würde nicht nur die Akzeptanz der Bürger erheblich erhöhen, es hätte auch den Effekt, dass Menschen, deren Lebensstil wenig klimaschädlich ist, durch pauschale Rückzahlungen relativ besser dastehen als diejenigen mit einem stark fossil geprägten Lebensstil. Würde also die unabhängige (!) Europäische Emissionsbank auch die Rückzahlung der Einnahmen aus Zertifikaten an die europäischen Bürger vornehmen, so gäbe es auch keine fiskalischen Begehrlichkeiten. Sowohl polit-ökonomische Fehlanreize wie auch rent-seeking Aktivitäten seitens der Industrie würden an einer solchen unabhängigen Institution abprallen. Sie ist allein dem Klimaschutz und somit – im Sinne des BverfG – den Freiheitsrechten heutiger wie künftiger Bürger verpflichte.

Werbung auf SPIEGEL online: Leser, zieh blank!

Keine Frage: Journalismus kostet und muss sich finanzieren. Das geschieht im Online-Bereich größtenteils über Werbung. Kein Wunder, dass Adblocker im Browser den Verlagen ein Dorn im Auge sind, und sie Technologien entwickeln, solche Adblocker zu entdecken und Content gegebenenfalls zu sperren. Wie beim Hase-Igel-Wettlauf werden die Browser-Plugins immer raffinierter im Filtern unerwünschten Contents, die Betreiber der Webseiten rüsten aber ebenfalls technisch auf. Weil der Wettlauf technisch schwierig zu gewinnen ist, ist der Axel-Springer-Verlag vor einiger Zeit auf die Idee gekommen, juristisch gegen das Blocken vorzugehen. In der allgegenwärtigen Abmahnindustrie fanden sich natürlich sofort geschäftstüchtige Advokaten, deren abenteuerliche Argumentation bei IT-Experten und auch Ökonomen teils ungläubiges Gelächter, teils Gänsehaut hervorrufen. Jedenfalls ist die Melange aus Tumbheit und Perfidie faszinierend.

Dabei geht es längst nicht nur um ein paar Werbeanzeigen, die man als Leser vielleicht noch zu ertragen bereit wäre. Werbung wird nicht nur massiver und nervtötender (bewegte Bilder, Flackern, Popup-Fenster), sondern sie beruht zunehmend auf umfassenden Tracking-Technologien, die die Privatsphäre untergraben um möglichst personalisierte Werbung schalten zu können. Das setzt entsprechende Schnittstellen zu Analyseplattformen voraus, die stets im Hintergrund laufen, wenn man z.B. bei SPIEGEL online, aber im Prinzip auch auf allen anderen Medienportalen die Tagesnachrichten liest.

Nachdem lange Zeit das Plugin uMatrix von SPIEGEL online entweder nicht erkannt oder aber toleriert wurde, so erscheint nunmehr ein alles verdeckendes Popup-Fenster, welches nicht nur einfach fordert den Adblocker auszuschalten, sondern darüber hinaus informiert: “Sie haben gar keinen Adblocker oder bereits eine Ausnahme hinzugefügt? Bitte prüfen Sie, ob Sie ähnliche Erweiterungen, Do-not-Track-Funktionen oder den Inkognito-Modus aktiviert haben, die ebenfalls Werbung unterdrücken. Nutzen Sie einen Script-Blocker wie uBlock Origin oder Ghostery? Dieser könnte fälschlicherweise als Adblocker erkannt werden, wenn er entsprechend eingerichtet ist. Bitte prüfen Sie in den Einstellungen des Script-Blockers, ob auch Werbung unterdrückt wird, und erstellen Sie dort eine Ausnahmeregel für SPIEGEL ONLINE.“ (Fettdruck von mir)

Im Klartext: Sie müssen sich tracken lassen! Sie dürfen nicht inkognito lesen! Sie müssen im Prinzip alle Skripte zulassen, mit denen wir Informationen, die wir über Ihr Verhalten tracken, mit zahlreichen Datenanalyse-Firmen austauschen. Ziehen Sie blank und pfeifen Sie auf Privatsphäre! Wir können mit Werbung nur dann etwas verdienen, wenn wir genau das machen, was die Werbeindustrie technisch kann und deshalb von uns verlangt: Sie bis aufs Knochenmark zu durchleuchten und die Informationen für immer effektivere Werbung nutzbar machen.

Eine gezielte Konfiguration der Plugins dergestalt, dass nur bestimmte Skripte oder Cookies zugelassen werden, welche die Funktionalität der Webseite gewährleisten, andere aber nicht, ist praktisch aussichtslos. Die entsprechende Aufforderung von SPIEGEL, die “Einstellungen des Blockers zu prüfen”, kann jemand, der nicht Informatik studiert hat, nur als völlig naiv (oder perfide) belächeln: Es sind Dutzende Cookies und Skripte und APIs, die aktiv sind und die sich zudem permanent ändern, so dass man faktisch alles zulassen muss. Siehe dazu die kleine uMatrix-Tabelle am Ende des Textes, welche nur eine kleine Momentaufnahme darstellt, die sich beim weiteren Surfen ständig ändert. Wer keine unfreiwillige Interaktion mit Datenfirmen wie Doubleclick, Emetriq, Meetrics, Emsmobile, Parse.ly, Optimizely, GoogleAnalytics usw. möchte (siehe unten), muss sich offenbar den kompletten SPIEGEL physisch am Kiosk kaufen, selbst wenn einen nur ein oder zwei Artikel interessieren.

Neben dem furchtbaren Werbemüll, der für mich eine Geißel der Menschheit ist, und neben dem beklemmenden Gefühl nicht zu wissen, wenn man SPIEGEL online (oder andere Seiten) liest, wer jetzt gerade im Moment welche Informationen über mein Lese- bzw. Klickverhalten bekommt, um raffiniertere Manipulationsmöglichkeiten auszuschöpfen, gibt es ein weiteres Ärgernis: Wenn sich auf SPIEGEL online kritische Journalisten ach so kritisch mit den Gefahren von Google, Facebook und Amazon auseinandersetzen, die Gefahren der Durchleuchtung der Kunden und Nutzer, der Monopolisierung der Metadaten, deren Auswertung mit KI-Methoden durch die Datenindustrie usw. usw. diskutieren, dann sage ich dem Autor nur: Junge (oder Mädel), du weißt aber schon, dass du hier auf einem Medium schreibst, welches mit Haut und Haar Teil dessen ist, was du hier kritisierst, dass ich deinen technik- und industriekritischen Artikel nur lesen kann, weil ich zulasse, dass mich die von dir kritisierte Werbe- und Datenindustrie jetzt gerade ausforscht, und dass du dein Gehalt oder Tantieme von SPIEGEL online auch nur deshalb bekommst? Was soll ich da von deiner Glaubwürdigkeit halten?

Wenn Leitmedien gerne auf die wichtige gesellschaftliche Funktion von “gutem Journalismus” verweisen, dann nehme ich mal an, dass sie Werbung eher als notwendiges Übel betrachten, weil sie eben Geld verdienen müssen. Wer möchte schon freiwillig seinen gut recherchierten Text mit blinkendem bunten Ramsch verunstalten? Und wer möchte schon, während man im Text den Leser im Geiste der Aufklärung informiert und so zur Selbstbestimmung mündiger Bürger beiträgt, ihn durch die im Hintergrund werkelnden Algorithmen die Kontrolle über seine Handlungskonsequenzen entziehen und unfreiwillig zur Verfeinerung manipulativer Mechanismen beitragen lassen?

Aber leider reicht die unternehmerische Fantasie offenbar nicht aus, um andere Modelle zu entwickeln, um sich vom Klammergriff der Datenindustrie zu emanzipieren. Die digitalen Bezahlmodelle (wie der “Tagespass” oder der “Wochenpass”) sind ein guter Anfang. Damit bekommt man interessanten Content hinter der Paywall. Aber von Werbung und Tracking wird man selbst dann nicht verschont. Wieso nicht? Dass Leser, die im 21. Jahrhundert Wert auf Privatsphäre und Datensouveränität legen, für “guten Journalismus” quasi gezwungen sind auf Printmedien vom Kiosk zurückzugreifen, weil die Verlage im Onlinebereich bereits zu abhängig von der Datenindustrie sind und zu unfähig  sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen, mutet geradezu dystopisch an.

PS: Der Text bezieht sich zwar auf SPIEGEL online, andere Nachrichtenportale sind aber auch nicht viel besser. Jedoch war die oben zitierte völlig unverhohlene dreiste Aufforderung, Do-not-track und Incognito-Modus abzuschalten, ausschlaggebend für die Wahl des Adressaten. An die SPIEGEL-Redaktion zu schreiben ist übrigens zwecklos; man erhält eine Textbaustein-Antwort mit dem zu erwartenden Blabla.

Alle Cookie CSS Grafik Skript XHR Frame Andere
spiegel.de 4
c.spiegel.de 1 2
cdn1.spiegel.de 22
2cdn2.spiegel.de 46
cdn3.spiegel.de 17
cdn4.spiegel.de 13
magazin.spiegel.de 1
spiegel-de.spiegel.de 1 1 9
www.spiegel.de 6 7 17 9 8 1
tracking.emsmobile.de 1
static.emsservice.de 1 5
spiegel-sp-331.global.ssl.fastly.net 1
s240.meetrics.net 5
www.summerhamster.com 1
static.criteo.net 1
ad.doubleclick.net 3
dyn.emetriq.de 5
www.google-analytics.com 1
www.googletagservices.com 5
script.ioam.de 1
s290.mxcdn.net 1
cdn3.optimizely.com 27 27
static.parsely.com 1

Reaktionen zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Diesel-Fahrverboten

Einige Industrieverbände sowie der Deutsche Städte- und Gemeindebund meinen, dass Diesel-Fahrverbote keine Lösung seien, es sei ein „Irrglaube“ das Schadstoffproblem mit mehr Regulierung und Verboten zu lösen, Fahrverbote seien ein „Herumdoktern an Symptomen“, und überhaupt gäbe es viel bessere Konzepte. Es sei daran erinnert, dass es nicht die Aufgabe des Bundesverwaltungsgerichtes war, umweltfreundliche und effiziente Verkehrslösungen zu entwickeln, sondern lediglich festzustellen, ob Fahrverbote rechtmäßig sind oder nicht. Kein Mensch behauptet, dass Dieselfahrverbote eine „Lösung“ seien, auch diejenigen nicht, die das Urteil begrüßen. Was also will man wohl mit einer Rhetorik erreichen, die genau dies dem politischen Gegner unterstellt? Ferner sei daran erinnert, dass das Gericht Fahrverbote als eine Art „ultima ratio“ sieht, wenn andere, weniger in die Freiheitsrechte eingreifende Maßnahmen ausgeschöpft wurden.

Alle Verbände haben Vorschläge parat, die allesamt Bausteine einer umfassenden Verkehrswende sind, die langfristig den motorisierten Individualverkehr zugunsten des ÖPNV deutlich verringern, verstetigen, von fossilen Brennstoffen unabhängig machen soll usw. Das sind allesamt gute Vorschläge, aber Industrie und Politik haben es bislang nicht geschafft, signifikante Schritte in diese Richtung zu gehen. Natürlich sind Regulierungen und Verbote nicht die Lösung, aber vielleicht erzeugen sie endlich den nötigen Druck, über eine Verkehrswende nicht nur wohlfeil zu reden, sondern aktiv zu werden. Da das Urteil Fahrverbote lediglich als letztes Mittel erlaubt, ermuntert es geradezu dazu, zunächst die anderen erfolgversprechenden Wege zu beschreiten.

Christian Lindners Reaktion auf das Urteil: „Ein Schlag gegen Freiheit und Eigentum“ knüpft leider nahtlos an das frühere FDP-Paradigma „Freie Fahrt für freie Bürger“ an, einem intellektuellen Tiefpunkt des Liberalismus. Ich weiß nicht, ob Herr Linder mit dieser Rückkehr zum verbalen Krawall-Liberalismus so gut beraten ist. Die „Freiheit“ ist offenbar die des Autofahrers, massiv in die Freiheitsrechte anderer Bürger einzugreifen, die ein Bedürfnis und – via Grenzwertregulierungen – ein Recht auf einigermaßen akzeptable Luftqualität und Gesundheit haben. Für das knappe Gut „saubere Luft“ gibt es konkurrierende Nutzungsansprüche. Dass Millionen Menschen ungefragt im Mief leben und arbeiten müssen, Gesundheitsbeeinträchtigungen erleiden, usw. ist kein Eingriff in deren Freiheitsrechte? Sind Emissionen quasi ein Naturrecht? Herr Lindner bezweifelt die wissenschaftliche Begründbarkeit der Grenzwerte. Das ist OK. Aber unabhängig davon, wie gesundheitsschädlich welche Mengen von Stickoxid und Feinstaub tatsächlich sind: die ökonomische Begründung von Begrenzungen bestimmter Handlungen (Autofahren), welche bestimmte Externalitäten (Abgase, Feinstaub) hervorrufen, beruht auf einer kollektiven Entscheidung über die Allokation des knappen Gutes „saubere Luft“. Die Legitimation erfährt eine solche Regulierung nicht zwingend erst durch medizinische Argumente, sondern darüber, dass sich eine freiheitliche Gesellschaft selbst solche Allokations-Regeln verordnet, weil diese ausdrücken, mit welcher Güterabwägung sie zu leben wünscht. Und hier haben wir uns nun mal auf europäische Spielregeln geeinigt, an welche sich unsere europäischen Nachbarn (soweit ich weiß) halten. Wenn Herr Lindner diese Spielregeln ändern will, muss er dafür Mehrheiten finden, z.B. die Grenzwerte wieder anzuhben, statt auf Gerichte zu schimpfen. Aber vielleicht ist er besser beraten, seinen Begriff von Freiheit kritisch zu reflektieren.

Der Wert von Dieselfahrzeugen könnte nun deutlich sinken. Dies wirkt tatsächlich ähnlich wie eine Enteignung, das ist richtig. Nicht übersehen sollte man dabei aber die Quasi-Enteignung derjenigen, die jahrelang unter gesetzeswidrigen Emissionen gelitten haben. Ihnen wurden ebenfalls Nutzungsrechte (an Luft mit bestimmter Mindestqualität) entzogen, die sich aber schwer in monetären Verlusten oder Arbeitsplatzverlusten ausdrücken lassen wie es umgekehrt die Industrie und Autobesitzer tun können. Zudem kann man schwerlich behaupten, dass ein Gericht, welches lediglich über die Rechtmäßigkeit von Fahrverboten urteilt, für die Wertminderung bestimmter Fahrzeuge ursächlich verantwortlich ist. Die systematische Täuschung und Tricksereien der Automobilindustrie tragen mindestens ebenso zu dieser Wertminderung, also „Enteignung“ bei wie die Untätigkeit der Politik, frühzeitig langfristige ökologische Verkehrskonzepte zu entwickeln und zu implementieren.

Nachtrag: Das Urteil führt nicht zwingend zum Untergang des Dieselmotors. Das Problem ist der Dieselkraftstoff. Der Dieselmotor könnte auch mit CNG (synthetisch, also nicht-fossil) betrieben werden, wenn man im Blick hat, dass Mobilität sich langfristig von der Nutzung fossiler Energien lösen muss.