Am kommenden Sonntag stimmen die Schweizer über die sog. Vollgeld-Initiative ab. Worum es dabei geht, setze ich im Folgenden als bekannt voraus. Ich bin kein Experte für die Vollgeld-Debatte, es ist also wahrscheinlich, dass manche der folgenden Punkte bereits in der Literatur diskutiert wurden. Es geht hier auch nicht um eine ausführliche kritische Würdigung des Konzepts, sondern nur um ein paar Schlaglichter aus Sicht der monetären “Mainstream”-Theorie. Dabei möchte ich vorausschicken, dass ich nicht prinzipiell gegen diese Reform-Idee bin, selbst wenn ich hier Bedenken vortrage, die mich sehr skeptisch machen.
1. Die Rolle der Geschäftsbanken in der Finanzintermediation
Warum gibt es Banken? Banken betreiben von einem theoretischen Standpunkt aus Asset-Transformation: die Fristen, die Liquidität, die Risiken, die Volumina der Einzelpositionen auf der Aktiv- und der Passivseite sind sehr verschieden und gleichen die sehr unterschiedlichen Interessen z.B. von Sparern und Investoren aus. Die Halter von Depositen profitieren von der geschickten Risikostreuung des Portfolios und dem Liquiditätsmanagement, das ihnen in der Regel sichere, schnell verfügbare Einlagen beschert. Banken haben Expertise in Risikobewertung und -kontrolle, oder technisch gesagt: screening und monitoring zur Reduktion von ökonomischen Problemen, die durch asymmetrische Informationsverteilung zustande kommen, d.h. sie reduzieren sog. Agency-Kosten und leisten so einen erheblichen Beitrag zu einer effizienten Allokation von Kapital. All dies führt aber auch zu gewissen Profiten. Ich spreche hier nicht von denjenigen Profiten, die durch dubiose Spekulationen zustande kommen, sondern durch normale Bankgeschäfte, also das, was Vollgeld-Vertreter Geldschöpfungsgewinne nennen, die sie gerne sozialisieren würden. Es stellen sich drei Fragen:
(a) Das monetäre Resultat all dieser Aktivitäten ist die Menge der vergebenen Kredite bzw. des dadurch geschaffenen Geldes. Wieso sollte die Zentralbank besser wissen, welche Geldmenge denn die für die Bedürfnisse der Haushalte und Firmen usw. angemessene ist? Das verweist auf das zentrale Wissensproblem in einer dezentralen Marktwirtschaft. Entweder akkomodiert die Zentralbank jegliche Kreditvergabewünsche der Geschäftsbanken, oder sie diskriminiert zwischen „sozial wünschenswerten“ und „nicht wünschenswerten“ Aktivitäten, die per Kredit finanziert werden sollen. Es sagt sich leicht dahin, dass die Zentralbank dann „wilde Spekulation auf Kredit“ verhindern könnte (was ein gutes Risikomanagement einer Geschäftsbank wohl auch tun würde), aber es wäre ein deutlicher Schritt in Richtung zentrale Lenkung der Kreditvergabe. Möchte man das?
(b) In dieselbe Richtung gehend kann man auch fragen, weshalb das Publikum einer Zentralbank mehr trauen sollte als den unter Wettbewerb stehenden Banken? (Gut, diese Frage wird bei Kritikern des “Finanzkapitalismus” nur Gelächter auslösen, aber auch Sicht der politischen Ökonomik (bzw. Public Choice) ist sie berechtigt!)
(c) Warum sollten die Geldschöpfungsgewinne per se der Gemeinschaft gehören und nicht ein Teil davon privat angeeignet werden können, da ja ohne Finanzintermediation, sprich die oben beschriebenen ökonomischen Funktionen einer Bank, moderne Wirtschaften nicht funktionieren würden? Warum sollte man nicht dafür einen Preis zahlen, der – je nach Wettbewerb – zu mehr oder weniger hohen Gewinnen führen kann?
2. Wozu will die Zentralbank “volle Kontrolle” über die Geldmenge haben? Und hätte sie die?
Im vorherigen Punkt wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Bankensektor möglicherweise besser informiert ist über die Kredit- und Geldnachfragewünsche des Publikums, weshalb eine Endogenisierung der Geldmenge durchaus sinnvoll sein kann. Aber nehmen wir mal an, es sei aus irgendwelchen Gründen gut, dass allein die Zentralbank das Geldmengenaggregat bestimmt. Die meisten Zentralbanken der größeren OECD-Länder betreiben Inflation Targeting und benutzen den Zinssatz als Steuerungsgröße. Das spiegelt sich auch in den allermeisten monetären makroökonomischen Modellen unterschiedlicher Coleur wider (z.B. die Taylor-Regel). Nun kann eine Zentralbank aber nicht gleichzeitig Geldmenge und den Zinssatz steuern: Hat sie ein primäres Interesse, den Zinssatz auf dem Niveau z.B. des Taylor-Zinssatzes zu halten, so muss sie die Geldmenge entsprechend der Geld- bzw. Kreditnachfrage akkomodieren, ob sie will oder nicht. Die Geldmenge wäre also wiederum endogen wie zuvor. Oder sie will die “volle Kontrolle über die Geldmenge” behalten, dann aber werden sich die Zinssätze in möglicherweise unvorhersehbarer Weise entsprechend der Kredit- und Geldhaltungswünsche vom Ziel-Niveau entfernen, d.h. die Zentralbank verliert die Kontrolle über den Zinssatz und damit möglicherweise über die Inflation bzw. Inflationserwartungen. Es ist illusorisch, dass man sich mit einem Vollgeld-System solchen fundamentalen Trade-offs entziehen könnte.
3. Wie schafft eine Zentralbank denn Vollgeld?
Ein durchaus berechtigter und m.E. zu wenig beachteter Kritikpunkt der Vollgeld-Vertreter am bestehenden System ist, dass in einer wachsenden Volkswirtschaft, in welcher die zirkulierende Geldmenge mitwächst, auch die Schulden entsprechend wachsen, denn der größte Teil des geschaffenen Geldes entsteht ja durch Kreditvergabe. Da die Geldmenge schneller wächst als das BIP, könnte darin eine Erklärung für die säkulare Tendenz zu immer höheren gesamtwirtschaftlichen Schuldenquoten liegen. Aber ändert sich das denn, wenn Geld nunmehr allein durch die Zentralbank geschaffen wird, sagen wir im selben Umfang wie bisher? Zentralbankgeld wird in Umlauf gebracht, indem die Zentralbank entweder einen Vermögensgegenstand kauft, oder einer Geschäftsbank einen Kredit gibt. Letzteres wäre ja wiederum eine Kredit-Zentralbankgeldschöpfung. Aber auch beim Kauf von Assets sollte man sehen, dass mit ganz erheblicher Dominanz (Staats-) Schuldverschreibungen gekauft werden, also auch wiederum Schuldkontrakte. An dem Gleichlauf von Geld- und Schuldenschöpfung würde sich wenig ändern. Die Schaffung von Geld, dem keine Schulden gegenüberstehen, würde bedeuten, dass die Zentralbank z.B. Gold, Grundstücke, Aktien oder dergleichen kauft. Selbst ganz gewöhnliche Geldpolitik würde dann aber in erheblichem Maße zu einer Vermögenspreisinflation (und so zu Vermögensumverteilung zugunsten der Reichen) führen. Will man das?
4. Ausweichreaktionen
Im Vollgeldsystem, wo Banken nicht ohne weiteres “aus sich selbst heraus” Kredite vergeben können, wird es höchstwahrscheinlich Ausweichreaktionen geben. Schon jetzt gibt es neben dem Bankensektor Finance Companies, bei denen Haushalte bzw. meist Firmen einen Kredit aufnehmen können, wo bei der Kreditvergabe jedoch kein neues Geld entsteht. Diese dem sog. “Schattenbankensektor” zugerechneten Institutionen müssen sich das Geld, welches sie verleihen, zunächst beschaffen, meist durch die Emission von Wertpapieren (“Commercial Papers”), welche z.B. gerne von Fonds gekauft werden. Die Bedeutung solcher Institutionen wie auch des Schattenbankensektors insgesamt hat in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen. Die Mechanismen innerhalb dieses Sektors und seine Verflechtung mit dem Bankensektor hat erheblich zur Globalen Finanzkrise 2008 beigetragen. Ein Vollgeldsystem dürfte zu einem starken Zulauf zu Finance Companies führen, den Schattenbankensektor also stärken. Diese Unternehmen haben jedoch keine Transaktionsbeziehungen zur Zentralbank, letztere kann also auch nicht im Notfall als “lender of last resort” einspringen. Da die emittierten Commercial Papers in der Regel eine sehr viel kürzere Laufzeit haben als die Kredite, kann dieser Fristen-Mismatch auch mal zu Liquiditätsproblemen führen, bei denen die Zentralbank nicht helfen kann. Ob also, wie gehofft, das gesamte “Finanzsystem”, wie Vollgeld-Vetreter glauben, tatsächlich “stabiler” wird, darf durchaus bezweifelt werden.
Ich erkenne durchaus an, dass die Kernidee des Vollgeldes der historischen Logik von Notenbankreformen folgt, nämlich ein staatliches Monopol für die Ausgabe von Banknoten zu schaffen, und diesen Ansatz auch auf das dominierende elektronische Geld ausdehnen möchte. Es würde ein Zustand hergestellt, von dem die allermeisten Menschen irrtümlich glauben, dass er bereits status quo ist. Aber abgesehen von der Vermeidung von Bank-Runs, für die es im Vollgeld-System keinen Anreiz mehr gäbe, sehe ich nicht allzu große Vorteile, jedoch einige ungeklärte Risiken eines solchen Experiments, von denen nur wenige hier angesprochen wurden.
