{"id":613,"date":"2025-07-11T17:00:24","date_gmt":"2025-07-11T15:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=613"},"modified":"2025-09-27T20:54:37","modified_gmt":"2025-09-27T18:54:37","slug":"gen-z-work-life-balance-und-der-ruf-nach-der-arbeitsmoral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=613","title":{"rendered":"Gen Z, work-life-balance, und der Ruf nach der Arbeitsmoral"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht nur Bundeskanzler Merz, auch andere Politiker:innen und Wirtschaftsverb\u00e4nde mahnen an, dass wieder mehr gearbeitet werden m\u00fcsse. Ma\u00dfnahmen wie bessere Hinzuverdienstm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Rentner, Steuererleichterungen bei \u00dcberstunden, Streichung eines Feiertages etc. werden erwogen und teilweise beschlossen, um die Anreiz f\u00fcr Mehrarbeit zu erh\u00f6hen. Die Begr\u00fcndungen lassen sich in zwei Punkten zusammenfassen: (a) Die seit Jahren lahmende Wirtschaft soll wieder in Schwung kommen, und (b) ohne Mehrarbeit der derzeit aktiven Generation droht das ohnehin \u00e4u\u00dferst angespannte Rentensystem zu kollabieren. Diese Begr\u00fcndungen mag man noch als diskutabel hinnehmen, aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant wird es, wenn die Forderung nach Mehrarbeit verbunden wird mit einem Lamento \u00fcber die geringe Leistungsbereitschaft der Gen Z, deren Insistieren auf einer \u201ework-life-balance\u201c (eine Wortwahl, mit der Zuh\u00f6rer wohl auch ein wenig negativ konnotierte \u201ewokeness\u201c assoziieren sollen, was das Ansinnen in die N\u00e4he eines Kulturkampfes r\u00fcckt), dem Interesse an Homeoffice, Sabbaticals undsoweiter. Wenn Herr Merz ausruft \u201e<em>Wir<\/em> m\u00fcssen wieder mehr arbeiten!\u201c, d\u00fcrfte wohl insinnuiert sein, dass <em>wir<\/em>, die Boomer-Generation, sehr wohl wissen, was Arbeit ist und uns ins Zeug gelegt haben um zu erreichen, was wir heute haben, w\u00e4hrend <em>ihr<\/em>, die junge Generation ein fatale Tendenz habt, es euch im gemachten Nest gem\u00fctlich zu machen. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine  Anma\u00dfung, f\u00fcr die ich mich, selbst ein Boomer, fremdsch\u00e4men muss. Weiter das Merz-Zitat: &#8222;Mit work-life-balance [&#8230;] wird <em>unser<\/em> Wohlstand nicht zu halten sein.&#8220; In der Tat, <em>unser<\/em> Wohlstand der \u00dc60 wird nicht zu halten sein, wenn <em>ihr<\/em>, die junge Generation auf work-life-balance Wert legt. Ja und? Was soll denn normativ aus dieser Feststellung folgen? <em>Ihr<\/em> m\u00fcsst bittesch\u00f6n <em>eure<\/em> Pr\u00e4ferenzen \u00e4ndern, damit <em>wir unsere<\/em> Ziele erreichen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als \u00d6konom gehe ich von der Arbeitshypothese aus, dass junge Leute nicht weniger rational sind als \u00e4ltere, das hei\u00dft: nicht weniger in der Lage, sich schl\u00fcssig im Sinne ihrer Pr\u00e4ferenzen und Erwartungen zu verhalten. (Nun ja, mal abgesehen davon, dass es mit der Rationalit\u00e4t allgemein nicht so weit her ist.) Wer in seiner Pr\u00e4ferenzfunktion ein etwas h\u00f6heres Gewicht auf Freizeit und Mu\u00dfe und etwas weniger auf materiellen Konsum legt, dann ist das nicht zu kritisieren, es sind idiosynkratische pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenzen, in die niemand, schon gar nicht der Staat, hereinzureden hat. Oder schwebt Herrn Merz ein paternalistisch-autorit\u00e4rer Staat vor, der seine jungen B\u00fcrger:innen ein bestimmtes Arbeitsethos anerziehen will? Vielleicht so wie in China? Wohl eher nicht. Warum besteht denn ausgerechnet seitens einer Partei, die sich auf christliche Fundamente beruft, ein solches Ressentiment gegen\u00fcber Pr\u00e4ferenzen, die qualitative Lebenszeit h\u00f6her einsch\u00e4tzt als materielles Einkommen und Konsum? Jedenfalls hat der Lebenswandel Jesu ihm selbst keinen Wohlstand, und seinen Eltern keine Alterseink\u00fcnfte generiert, soweit ich wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lustigerweise ist es ja eben die Boomer-Generation, die scharenweise vorzeitig in den Ruhestand geht, und damit einen Teil der Probleme verursacht, f\u00fcr die die junge Generation bittesch\u00f6n doch ihren Arbeitsethos \u00e4ndern m\u00f6ge, um diese zu lindern. So sehr verschieden scheinen also die Pr\u00e4ferenzfunktionen der \u00e4lteren und j\u00fcngeren Generation gar nicht zu sein. Gut, vielleicht steckt ja auch dies hinter dem &#8222;Wir&#8220; von Herrn Merz. Immer wieder gerne, so auch an dieser Stelle, erinnere ich daran, dass <em>Effizienz<\/em> im \u00f6konomischen Sinn bedeutet, dass knappe Ressourcen m\u00f6glichst so verwendet werden, dass der erzeugte Zustand den Pr\u00e4ferenzen, also den Zielen, W\u00fcnschen, Bed\u00fcrfnissen der Menschen m\u00f6glichst gut entspricht. Es hei\u00dft nicht (zwingend), dass wir Ressourcen so verwenden, dass m\u00f6glichst maximal produziert und konsumiert wird. Zwar ist es Frage der <em>technischen<\/em> Effizienz, dass keinerlei Verschwendung knapper Ressourcen betrieben wird, aber das ber\u00fchmte Patero-Kriterium f\u00fcr <em>allokative<\/em> Effizienz geht von den subjektiven Bewertungen eines Zustands aus. Wenn also jemand einen Zustand pr\u00e4feriert, wo er\/sie mit wenig auskommt, Zeit f\u00fcr sich hat, seine Arbeitszeit relativ frei und autonom gestalten kann und nach 30 Stunden Schluss ist \u2013 ja und? Ist doch gro\u00dfartig, dass so etwas heute m\u00f6glich ist. Mir wurde von einem Bewerbungsgespr\u00e4ch berichtet, wo eine talentierte Softwareentwicklerin meinte, ihr w\u00fcrden 30 Stunden reichen, weil sie in der \u00fcbrigen Zeit \u201egerne etwas mit Holz machen\u201c w\u00fcrde. Fantastisch, da hat jemand vielf\u00e4ltige Facetten im Leben entdeckt und wei\u00df, wie man diese zur Entfaltung bringen kann, und setzt dies auch um.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun bedeutet Rationalit\u00e4t nicht nur schl\u00fcssiges (konsistentes) Handeln nach den eigenen Pr\u00e4ferenzen, sondern auch den eigenen Erwartungen. Nun, man kann es der Gen Z nicht verdenken, dass dort keine allzu gro\u00dfen Erwartungen an die sozialen Sicherungssysteme bestehen, die sich die \u00e4lteren Generationen einst ausgedacht haben. Insbesondere das Rentensystem funktioniert nur noch leidlich dank extrem hoher Milliardenzusch\u00fcsse aus dem Bundeshaushalt, \u00fcber die kaum noch im Parlament diskutiert wird. Jahrzehntelang erleben wir eine partei\u00fcbergreifende Weigerung dar\u00fcber nachzudenken, das Renteneintrittsalter systematisch und stetig zu erh\u00f6hen, Rentenanspr\u00fcche nur noch im Sinne des Inflationsausgleichs steigen zu lassen, oder geschweige denn \u00fcber umfassendere Reformen nachzudenken wie etwa B\u00fcrgerversicherung oder die Heranziehung aller Einkunftsarten (z.B. aus Kapital), nicht nur die aus Arbeit usw. Renter:innen stellen eine riesige W\u00e4hlergruppe dar, auch der Medianw\u00e4hler hat den Ruhestand schon im Blick und hofft, dass das System noch so lange gep\u00e4ppelt wird, bis er davon profitieren kann. Polit\u00f6konomisch haben wir also die klassische Ausbeutung der Minderheit (junge Generation) durch die Mehrheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das System basiert im Kern auf dem (wachsenden) Arbeitseinkommen und dem Umstand, dass jede Frau mindestens 2,1 Kinder haben muss, damit es keine demographische Schieflage gibt. Wenn nun die junge Generation sagt: \u201ePapa\/Opa, dieses System ist v\u00f6llig irre, funktioniert nur noch auf Pump, und ihr wollt nicht mal \u00fcber umfassende Reformen nachdenken, erh\u00f6ht sogar noch Anspr\u00fcche der Rentner (M\u00fctterrente), und wollt nun, dass ich erheblich mehr arbeite, um eure derzeitigen Anspr\u00fcche zu sichern, w\u00e4hrend meine eigenen Anspr\u00fcche in 30-40 Jahren mehr als zweifelhaft sind, falls dieses System bis dahin nicht zusammengebrochen ist? Da w\u00fcrde ich mal sagen: F*ck dich!\u201c Eine absolut schl\u00fcssige Reaktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne Zweifel ist die junge Generation in einen nie dagewesenen Wohlstand hineingeboren worden, der im Wesentlichen nach dem zweiten Weltkrieg erarbeitet wurde. Auf der anderen Seite m\u00fcssen wir sehen, dass dieser Wohlstand alles andere als nachhaltig ist, sondern im Grunde Ergebnis eines sorglosen Abbrennens eines kolossalen fossilen Feuerwerks ist, beruhend auf einem Produktionsmodell, welches sich nicht schnell genug \u00e4ndern l\u00e4sst, um noch innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben. Zudem ist die \u00f6ffentliche Infrastruktur, welche die Zukunftschancen der jungen Generation ma\u00dfgeblich beeinflusst, seit Jahrzehnten verrottet, nachdem in den 1990er Jahren sich das neoliberale Mantra festgesetzt hat, dass der Staat doch gar nicht zu unternehmerischem Handeln f\u00e4hig sei, und man lieber die Investitionen des privaten Marktes f\u00f6rdern bzw. staatliche Leistungen privatisieren solle. Seit Jahren liegen \u00f6ffentliche Investitionen unterhalb der Abschreibungen, der \u00f6ffentliche Kapitalstock sinkt also. Wie unendlich schwierig es ist, jetzt wieder aufzuholen, zeigt sich an der Deutschen Bahn. Ich denke daher nicht, dass es Vertretern der Boomer-Generation zusteht, mit moralischem Zeigefinger von oben herab der Jugend zuzurufen, man m\u00f6ge doch gef\u00e4lligst sich am Riemen rei\u00dfen, die \u00c4rmel hochkrempeln, usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck zu den Pr\u00e4ferenzen. Wir haben gesehen, dass das Argument eines durch Mehrarbeit zu stabilisierende Rentensystems nicht zieht: Wenn man sehenden Auges nicht bereit ist, ein marodes System umfassend zu reformieren, jeder noch so zaghafte Versuch in diese Richtung sofort von irgendeiner Seite niedergeschrien wird, ein System, \u00fcber dessen Funktionieren in 40 Jahren sich die junge Generation keinerlei Illusionen macht, dann l\u00e4sst sich daraus keine moralische Verpflichtung der jungen Generation zu Mehrarbeit ableiten. Jede andere Abw\u00e4gung zwischen Konsum und Freizeit als die eigene verdient zudem denselben Respekt vor der Autonomie des Individuums.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann bleibt noch das Argument, dass \u201edie Wirtschaft wieder in Schwung kommen muss\u201c. Nun ist das Thema des st\u00e4ndigen BIP-Wachstums mehrtausendfach diskutiert worden und ich bin der Wiederholung etwas m\u00fcde. Aber wenn man sich mal mit makro\u00f6konomischen Wachstumsmodellen besch\u00e4ftigt hat und deren Gleichgewichtsbedingungen (steady-state), so kommt man schnell darauf, dass auch hier wieder die Pr\u00e4ferenzen der Haushalte eine tragende Rolle spielen. Positive steday-state-Wachstumsraten \u2013 wo eine Stagnation wie derzeit eine unerw\u00fcnschte Abweichung darstellt \u2013 erh\u00e4lt man nur unter der Annahme von Nichts\u00e4ttigung und konstanter intertemporaler Substitutionselastizit\u00e4t. Auch wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, es sind spezielle Annahmen \u00fcber die Pr\u00e4ferenzen der Haushalte bez\u00fcglich des Konsums. Aber die sind nicht in Stein gemei\u00dfelt. Niemand hindert uns daran anzunehmen, dass bez\u00fcglich Konsum eine abnehmende Substitutionselastizit\u00e4t vorhanden ist, f\u00fcr Freizeit hingegen nicht. In diesem Fall w\u00e4re ein steady-state durch Nullwachstum charakterisiert. Etwaiger technischer Fortschritt w\u00fcrde in erster Linie verwendet um weniger zu arbeiten statt mehr zu produzieren. Was w\u00e4re, wenn die Gen Z uns vor Augen f\u00fchrt, dass eben dies vielleicht der Fall sein k\u00f6nnte? Effizienz \u2013 im oben beschriebenen Sinn \u2013 ist die normative Implikation der Grundannahmen der VWL, nicht etwa stetiges Wachstum als solches. Dass die Volkswirtschaftslehre doch zeige, dass die Wirtschaft stetig wachsen <em>m\u00fcsse<\/em> \u2013 nun, das ist ein M\u00e4rchen von mathematisch wenig bewanderten Marktschreiern. Ein Wachstumszwang besteht nur dann, wenn wir uns auf institutionelles Design einigen, dessen Finanzierung auf Wachstum und zumindest gleichbleibende Population angewiesen ist. Das ist ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrde ich darauf bestehen, das man auf der Autobahn mit 220 km\/h rasen <em>m\u00fcsse<\/em>. Warum dies? Nun, weil ich meinen Fu\u00df mit Sekundenkleber am Gaspedal festgeklebt habe. Ach so, das ist nat\u00fcrlich sehr einleuchtend und verpflichtet auch alle kommenden Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man schon m\u00f6chte, dass \u201edie Wirtschaft wieder in Schwung kommt\u201c, dann bitte in dem Sinn, dass man keine Angst vor dem Strukturwandel hat, den Menschen erm\u00f6glicht, die \u00f6kologische Transformation z\u00fcgig voranzutreiben statt sie daran zu hindern, keine Besitzstandswahrung betreibt, wirtschaftliche Machtpositionen aufl\u00f6st, Unternehmertum respektiert und Gr\u00fcndungen f\u00f6rdert. Ob dann am Ende BIP-Wachstum herauskommt oder aber nicht \u2013 sch**\u00df der Hund drauf, warum sollte mich das interessieren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich f\u00fcr meinen Teil bin jedenfalls gespannt, wie die junge Generation, zu der meine Kinder geh\u00f6ren, Wirtschaft und Gesellschaft transformieren wird. Die allerbesten Vorbilder haben sie in uns ja leider nicht. Es bleibt mir nur, auf ihre Kreativit\u00e4t und ihren Eigensinn zu hoffen und ihnen Mut zu w\u00fcnschen, den wir nicht hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur Bundeskanzler Merz, auch andere Politiker:innen und Wirtschaftsverb\u00e4nde mahnen an, dass wieder mehr gearbeitet werden m\u00fcsse. Ma\u00dfnahmen wie bessere Hinzuverdienstm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Rentner, Steuererleichterungen bei \u00dcberstunden, Streichung eines Feiertages etc. werden erwogen und teilweise beschlossen, um die Anreiz f\u00fcr Mehrarbeit zu erh\u00f6hen. 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