{"id":588,"date":"2021-06-25T20:56:57","date_gmt":"2021-06-25T18:56:57","guid":{"rendered":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=588"},"modified":"2022-06-01T17:21:12","modified_gmt":"2022-06-01T15:21:12","slug":"zur-freiheitlichen-begruendung-des-lieferkettengesetzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=588","title":{"rendered":"Zur freiheitlichen Begr\u00fcndung des Lieferkettengesetzes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland hat nun ein Lieferkettengesetz. Nach zahlreichen Lobbyaktivit\u00e4ten, aber auch Bedenken aus dem akademischen Bereich ist es nun ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bescheidenes, wirkungsarmes Gesetz f\u00fcr eine \u00fcberschaubare Anzahl von Unternehmen geworden. Dennoch ist die Emp\u00f6rung \u00fcber den b\u00fcrokratischen Aufwand, aber auch gegen unvorhersehbare Klagem\u00f6glichkeiten gro\u00df. Im Folgenden geht es nicht um die Details des Gesetzes, und auch ich bin der Ansicht, dass deutsche Regulierungsgr\u00fcndlichkeit, gepaart mit eklatanter R\u00fcckst\u00e4ndigkeit in Sachen Digitalisierung und Unkenntnis der Lage der Adressaten der Regulierungen, zu sehr transaktionskostentr\u00e4chtigen L\u00f6sungen f\u00fchrt. Stattdessen m\u00f6chte ich wenige grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen anf\u00fchren, die auf die Kritik eingehen, dass es ja wohl nicht sein k\u00f6nne, dass deutsche Unternehmen f\u00fcr die Vers\u00e4umnisse der Politik in fremden L\u00e4ndern in Haftung genommen werden. Ich gehe der Frage nach, ob \u201ewir\u201c, d.h. unsere Unternehmen daf\u00fcr verantwortlich sein k\u00f6nnen, wie in anderen L\u00e4ndern mit Umwelt, Arbeit und Menschenrechten umgegangen wird. Ist das \u00fcberhaupt ein wirtschaftliches Thema, oder muss das nicht politisch in den entsprechenden L\u00e4ndern gel\u00f6st werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nehme die Pointe gleich vorweg: Ja, nat\u00fcrlich tragen \u201ewir\u201c und somit auch deutsche Unternehmen Verantwortung, und ja, es ist ein wirtschaftliches Thema. Und das l\u00e4sst sich ganz altmodisch ordnungs\u00f6konomisch begr\u00fcnden. Den Salbader um angebliche linksgr\u00fcne Weltrettungs-Ideologien werde ich h\u00f6flich ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Gesellschaft hat klare Vorstellungen und Pr\u00e4ferenzen bez\u00fcglich Menschenrechte und Mindeststandards f\u00fcr angemessene Arbeitsbedingungen, und wir haben dementsprechende Regeln f\u00fcr die Produktion hierzulande. Nun erfolgt die Produktion aber heute in globalen Wertsch\u00f6pfungsketten, die sich oft \u00fcber viele L\u00e4nder erstrecken, und die f\u00fcr die letzte Produktionsstufe oft gar nicht mehr nachvollziehbar sind. Daraus resultiert eine <em>mangelnde Sichtbarkeit der Konsequenzen von Produktions- und Konsumentscheidungen<\/em>, die an ganz entfernten Stellen ausgel\u00f6st werden, was zu einer Art \u201e<em>Verantwortungsdiffusion<\/em>\u201c f\u00fchrt. <em>Dies untergr\u00e4bt die Souver\u00e4nit\u00e4t, f\u00fcr die eigenen Handlungskonsequenzen Verantwortung tragen zu k\u00f6nnen<\/em>. Zumindest die Kenntnisnahme der Konsequenzen einer Handlung durch Transparenz der Lieferkette ist ein Schritt in Richtung der Wiederherstellung dieser Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt es zum Kernverst\u00e4ndnis von Freiheit, auch die Verantwortung f\u00fcr die Konsequenzen der eigenen Entscheidung zu \u00fcbernehmen, auch wenn diese andere Menschen in anderen L\u00e4ndern betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die durch hochgradige globale Arbeitsteilung geschaffene Informationsasymmetrie bez\u00fcglich der Handlungskonsequenzen ist bereits ein Problem f\u00fcr die Allokationseffizienz von M\u00e4rkten, die ich <a href=\"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=462\">an anderer Stelle diskutiert<\/a> habe. Die damit einhergehende Verantwortungsdiffusion, die dadurch gerechtfertigt wird, dass ja andere L\u00e4nder bzw. deren Regierungen daf\u00fcr zust\u00e4ndig seien, ist in gewissem Sinn eine Zersetzung der Grundlagen des Liberalismus, weil Entscheidungsfreiheit und Verantwortung entkoppelt werden, indem man mit dem Finger auf andere zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt, dass Preise nicht allein Knappheiten widerspiegeln, sondern auch asymmetrische Machtverh\u00e4ltnisse: Monopole extrahieren Konsumentenrente, Monopsone extrahieren Produzentenrente. Je unelastischer die Nachfrage- bzw. Angebotsseite, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Rentenextraktion. Im Fall des unelastischen Arbeitsangebots im globalen S\u00fcden \u2013 aufgrund der Armut muss jeder Job angenommen werden \u2013 betr\u00e4gt die Rentenextraktion bis zu 100%, es bleibt also ein reiner Reservationslohn. Dazu braucht man keine \u201elinken\u201c Theorien, das ist simpelste neoklassische Mikro\u00f6konomik aus Econ101-Kursen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Komparative Vorteile, die zu Spezialisierung und globalen Wertsch\u00f6pfungsketten f\u00fchren, k\u00f6nnen deshalb auch dadurch entstehen, dass Anbieter in einem Land sehr geringe Marktmacht haben und deshalb jeden Preis akzeptieren m\u00fcssen, der die Grenzkosten gerade deckt. So k\u00f6nnen Lieferketten zu \u201eRentenextraktionsketten\u201c werden, die den geschaffenen Mehrwert einseitig verteilen, und einige Glieder der Kette keinen substanziellen Mehrertrag gegen\u00fcber der Subsistenzwirtschaft haben. M\u00f6chten sich deutsche Unternehmen gerne daran beteiligen? M\u00f6chten sie es zumindest gerne wissen? Nein? Aber ich, der Nachfrager, m\u00f6chte es gerne wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Macht steht Wettbewerb entgegen. Wenn \u2013 durchaus richtig \u2013 von den Segnungen des Wettbewerbs auf globalen M\u00e4rkten geredet wird, so wird leicht vergessen, dass in weiten Teilen dieser Wettbewerb nur eingeschr\u00e4nkt existiert. Gr\u00f6\u00dfere Konzerne auf Rohstoffm\u00e4rkten oder lokalen Arbeitsm\u00e4rkten verhalten sich logischerweise anders als kleinere Unternehmen im harten Wettbewerb im Endproduktbereich. Hier w\u00e4re eine globale Wettbewerbspolitik vonn\u00f6ten, die es mangels globaler rechts(durch)setzender Institutionen aber nicht gibt. Daher kann man als second-best zumindest Unternehmen im eigenen Land dazu anhalten, diese Problematik zu erkennen und entsprechende Verantwortung zu \u00fcbernehmen, wie sie den hier allgemein akzeptierten Wertegrundlagen entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnten einer globalen freiheitlichen Ordnung einen Schritt n\u00e4her sein und einen Schritt weiter weg von einer \u201eorganisierten Unverantwortlichkeit\u201c (Ulrich Beck).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die handwerklichen Unzul\u00e4nglichkeiten des Gesetzes und den Grenzen der Kontrollierbarkeit von Vor-Vor-Vorprodukten, \u00fcber die das deutsche Unternehmen zu vertretbaren Kosten kaum etwas wissen kann, sowie auch die Grenzen von Verantwortbarkeit, wenn viele eine Teil-Verantwortung tragen, wird an anderer Stelle noch zu diskutieren sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland hat nun ein Lieferkettengesetz. 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