{"id":561,"date":"2020-04-20T12:52:43","date_gmt":"2020-04-20T10:52:43","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=561"},"modified":"2020-04-20T12:52:43","modified_gmt":"2020-04-20T10:52:43","slug":"corona-menschenleben-gegen-wirtschaftsinteressen-abwaegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=561","title":{"rendered":"Corona: Menschenleben gegen Wirtschaftsinteressen abw\u00e4gen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nEs ist kaum ernsthaft bestritten, dass die staatlich verordneten\ndrastischen Beschr\u00e4nkungen richtig waren, um die Ausbreitung des\nVirus zu verlangsamen, damit keine Engp\u00e4sse bei der\nintensivmedizinischen Versorgung entstehen und insbesondere \u00c4rztInnen\nnicht vor das Triage-Problem gestellt werden m\u00fcssen. Auf der anderen\nSeite haben diese Ma\u00dfnahmen, der \u201eLockdown\u201c, zu erheblichen\nwirtschaftlichen Verlusten gef\u00fchrt: das Bruttoinlandsprodukt sinkt\ndeutlich, die Arbeitslosigkeit steigt, es wird zu einer erheblichen\nZahl von Pleiten kommen, Unternehmen und Staat werden anschlie\u00dfend\nhoch verschuldet sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Derzeit verl\u00e4uft\ndie Diskussion um eine m\u00f6gliche Lockerung der Ma\u00dfnahmen h\u00e4ufig\nentlang der moralischen Frage, ob man eine Lockerung aus\nwirtschaftlichen Gr\u00fcnden fordern d\u00fcrfe, wo dies doch gleichzeitig\ndas gesundheitliche Gef\u00e4hrdungspotenzial und damit Ansteckungs- und\nTodesf\u00e4lle wieder nach oben treiben w\u00fcrde. Interessanterweise liest\nman hier oft die Sentenz, dass man \u201eMenschenleben nicht gegen\nWirtschaftsinteressen ausspielen d\u00fcrfe\u201c, dass schon die Behauptung\neines Zielkonflikts \u201edie Gesellschaft spalte\u201c, und \u00fcberhaupt\nGesundheit und Menschenleben ein so hohes Gut sei, dass schn\u00f6de\nWirtschaftsinteressen ja wohl kaum als moralisch gleichwertig\nanzusehen seien. Sobald solche Sentenzen mit entsprechender Emp\u00f6rung\nvorgetragen werden, kann man sich der eilfertigen Demutshaltung des\nGegen\u00fcbers sicher sein: Nein nein, so war das nicht gemeint\u2026.,\nNein, mir geht es darum, einen Zielkonflikt zu vermeiden\u2026. usw.\nSelbst namhafte \u00d6konomen schlie\u00dfen sich schnell diesem moralischen\nDiktum an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich wundert das,\nund zwar aus zwei unterschiedlichen Gr\u00fcnden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Zielkonflikt\nbesteht. Und die Gesellschaft geht bereits damit um.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist mir\nunbegreiflich wie man verneinen kann, dass es hier um Zielkonflikte\nund folglich um Abw\u00e4gungen geht. Ganz offensichtlich gehen die\ndrastisch einschr\u00e4nkenden Ma\u00dfnahmen, um Ziel A (Rettung von\nMenschenleben, Gesundheit) zu erreichen, zulasten von Ziel B\n(florierende Wirtschaft, Jobs). Dies zu benennen und zu analysieren\nist Grundlage eines rationalen Diskurses und nicht etwa ein\nunbotm\u00e4\u00dfiges \u201eAusspielen von A gegen B\u201c oder der Versuch \u201edie\nGesellschaft zu spalten\u201c. Ein Zielkonflikt verschwindet nicht\ndadurch, indem man einfach nicht hinschaut und das Hinschauen\nmoralisch diskreditiert. Ein Zielkonflikt erzwingt eine\nG\u00fcterabw\u00e4gung, ob man will oder nicht. Genau das ist das\nKerngesch\u00e4ft der VWL.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist auch ein\ngrobes Un- oder Missverst\u00e4ndnis, dass \u201erein wirtschaftliche\nFragen\u201c auf dem einen Blatt stehen, darum darf sich dann die VWL\nk\u00fcmmern, aber ethisch-moralische Fragen auf einem ganz anderen\nBlatt. \u00d6konomen sprechen von Pr\u00e4ferenzen. Auch wenn in einf\u00fchrenden\nmikro\u00f6konomischen Lehrb\u00fcchern meistens Pr\u00e4ferenzen auf (Konsum-)\nG\u00fcterb\u00fcndel bezogen werden, so geht es tats\u00e4chlich aber um die\nGesamtheit der Lebenswirklichkeit, die man unter knappen Ressourcen\nzu gestalten hat. Welche Bedingungen, unter denen ich als Einzelner\ninnerhalb einer Gemeinschaft leben m\u00f6chte, <em>ziehe ich vor<\/em>\n(pr\u00e4-ferre)? Das reicht von reinen individuellen Geschmacksfragen\n(Lieber Rotwein oder Bier?) \u00fcber die Frage der Gestaltung von\nSpielregeln (Welche Marktregulierungen, welches Steuersystem\nbevorzuge ich?) bis hin zum Grunds\u00e4tzlichen (\u00dcber was m\u00f6chte ich\nindividuell frei entscheiden? Wo bin ich bereit, dass das Kollektiv\nentscheidet? Welche Gesetze, \u00fcber die ich demokratisch abstimme,\nspiegeln meine ethischen \u00dcberzeugungen am besten wider?). Kurzum:\nethische Fragen sind integraler Teil menschlicher Pr\u00e4ferenzen und\nsomit von Abw\u00e4gungsprozessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wir als Gesellschaft haben kollektiv eine solche Abw\u00e4gung bereits getroffen. N\u00e4mlich mit sehr starkem Gewicht des Ziels, Menschenleben und Gesundheit zu sch\u00fctzen, zulasten der Wirtschaft. Da schnelles Handeln erforderlich war, konnten keine langen Debatten zur G\u00fcterabw\u00e4gung gef\u00fchrt werden. Zudem musste man unter gro\u00dfer Unsicherheit Entscheidungen treffen. Wie viele Covid-19-Todesf\u00e4lle oder auch schwerwiegende Krankheitsverl\u00e4ufe man vermieden, wie viele ausgestandene \u00c4ngste, wie viele Triage-Entscheidungen man vermieden haben wird, wird man im Nachhinein vielleicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Wie viele Jobs und Einkommenseinbu\u00dfen das gekostet haben wird, wie viele freiberufliche Existenzen und Lebenspl\u00e4ne zerst\u00f6rt, wie viele Betriebe pleite gegangen sein werden, wie stark Bildungsprozesse beeintr\u00e4chtigt sein werden, wie viel zus\u00e4tzliche h\u00e4usliche Gewalt und Depressionen es gegeben haben wird, wird man dann auch absch\u00e4tzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist bemerkenswert, dass solche Abw\u00e4gungen schnell und mit erstaunlichem Einverst\u00e4ndnis der Bev\u00f6lkerung getroffen wurden, notgedrungen ohne detaillierte Debatte, obwohl die Einschr\u00e4nkungen ja tief in die Grundrechte hineingehen. Man darf vielleicht daran erinnern, dass in vielen anderen Bereichen v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von Corona ebenfalls moralische Zielkonflikte bestehen, die die Gesellschaft bislang ganz anders bewertete: Wie viele Tote k\u00f6nnte man jedes Jahr vermeiden, wenn Rauchen verboten w\u00e4re? Wenn es keinen Autoverkehr oder zumindest Tempolimit auf Autobahnen g\u00e4be? Wenn es eine allgemeine Impfpflicht f\u00fcr Grippeimpfungen g\u00e4be? Sicher, in all diesen F\u00e4llen ist die Problemlage immer etwas anders als bei Corona, um dem Argument, \u201edas kann man doch nicht miteinander vergleichen\u201c, vorzubeugen \u2013 wobei: selbstverst\u00e4ndlich kann man die Dinge vergleichen. Differenzierendes Vergleichen ist oft hilfreich. Woher sonst w\u00fcssten wir, dass es neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede gibt, wenn man nicht einen Vergleich angestellt h\u00e4tte? Was allen Beispielen gemeinsam ist, ist die G\u00fcterabw\u00e4gung, die wir sonst h\u00e4ufig nicht zugunsten von Leben und Gesundheit treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moralisten ziehen\ndann oft die Trumpfkarte, dass \u201emenschliches Leben\u201c doch mit\nnichts aufzuwiegen sei und deshalb sich ein \u201eAufrechnen\u201c per se\nverbieten w\u00fcrde (\u201eNa, sag schon, sag schon, was ist denn der\nGeldpreis f\u00fcr ein Menschenleben?\u201c). Als \u00d6konom weise ich darauf\nhin, dass auch Menschen, die so argumentieren, durch ihre eigenen\nt\u00e4glichen Entscheidungen aufzeigen, dass sie selbst eben solche\nAbw\u00e4gungen treffen, deren rationalen Diskurs sie f\u00fcr verwerflich\nhalten: Sie fahren mit dem Auto zur Arbeit? Sie rauchen? Sie sind\nschon mal bei Rot \u00fcber die Ampel gegangen? Mit anderen Worten: Sie\nriskieren, wenn auch nur mit ganz geringer Wahrscheinlichkeit, ihr\neigenes Leben, um einen mehr oder weniger schn\u00f6den Vorteil zu\nerlangen? Interessant. Sie gehen faktisch begrenzte (im Prinzip\nbezifferbare) Lebens- und Gesundheitsrisiken ein um daf\u00fcr andere\nVorteile zu bekommen. Dies zu benennen, transparent und bewusst zu\nmachen, einem rationalen Diskurs zug\u00e4nglich zu machen kann ich nicht\nals moralische Zumutung sehen. Und wenn solche Abw\u00e4gungen kollektiv\ngetroffen werden m\u00fcssen, dann ist ein solcher rationaler Diskurs\nsogar angebracht. Moralische Denkverbote unterminieren sonst\ndemokratische Legitimit\u00e4t kollektiver Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">V\u00f6llig unbestritten\nist nat\u00fcrlich, dass alle Ma\u00dfnahmen, die auf eine Verringerung von\nZielkonflikten f\u00fchren, zu begr\u00fc\u00dfen sind. H\u00e4tte man massenhaft\nCorona-Tests incl. Testkapazit\u00e4ten und ausreichend Schutzmasken,\nk\u00f6nnte man die Ausbreitung des Virus mit erheblich weniger\nwirtschaftlichen Einschr\u00e4nkungen eind\u00e4mmen. Solche Pfade zu\nidentifizieren, wie man Zielkonflikte reduziert, ist im Grunde ein\n\u00f6konomisches Optimierungsproblem, was aber eben einen Konsens\nvoraussetzt, wie man die unterschiedlichen Ziele abw\u00e4gt. Zu bedenken\nist dabei aber, dass eben auch die Ma\u00dfnahmen zur Reduzierung des\nZielkonflikts, selbst kostentr\u00e4chtig sind und deshalb Teil der\nOptimierung sind. Vermutlich lie\u00dfe sich das Triage-Problem auf ein\nabsolutes Minimum dr\u00fccken, wenn man v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von\nPandemien stets 10 Millionen Intensivbetten mit Beatmungsger\u00e4ten\nvorh\u00e4lt. Wenn man sich als Gesellschaft entschlie\u00dft: Ja, wir wollen\nsehr gerne jedes Jahr Ressourcen im Wert von mehreren hundert\nMilliarden Euro f\u00fcr derartige totale Vorsorge ausgeben, die dann\nallerdings anderen Verwendungsm\u00f6glichkeiten entzogen werden, so kann\nman das gerne tun, da das offenbar den Pr\u00e4ferenzen der Menschen\nentspricht. Wenn nicht, m\u00fcssen wir eben mit dem Risiko leben, ab und\nwann zu den hier diskutierten G\u00fcterabw\u00e4gungen gezwungen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es geht um\nFreiheit und W\u00fcrde, nicht nur um Wirtschaftsinteressen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor Kurzem hat ein\nVerfassungsrechtler in einem sehr klugen Kommentar in der F.A.Z.\ndarauf hingewiesen, dass menschliches Leben keineswegs diesen hohen\nVerfassungsrang hat, wie viele Menschen glauben. Es geht nicht um das\nLeben als solches, sondern um ein Leben in W\u00fcrde, was auch eine\nfreie Selbstentfaltung einschlie\u00dft. Die Einschr\u00e4nkungen des\nT\u00f6tungsverbotes z.B. im Kriegsfall oder in Notwehrsituationen, bei\nSchwangerschaftsabbr\u00fcchen, bei der j\u00fcngsten Rechtsprechung\nbez\u00fcglich selbstbestimmten Sterbens usw. zeigen dies. Nun geht es\nzugegeben im Fall der Triage nicht allein um die Frage der Rettung\nvon Menschenleben, sondern um die Frage, wen man angesichts von\nRessourcenknappheit sterben lassen muss. Das ber\u00fchrt sehr wohl auch\nFragen der W\u00fcrde. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der anderen\nSeite sind die Ma\u00dfnahmen, die eben eine solche Situation vermeiden\nsollen, nicht einfach blo\u00df ein \u201eHerunterfahren der Wirtschaft\u201c,\nwie es oft hei\u00dft. Das verleitet viele zu der Auffassung \u201eDas ist\ndoch blo\u00df Wirtschaft, da geht es doch letztlich nur um Materielles\nund um Geld\u201c, also nichts, was moralisch wirklich ins Gewicht\nf\u00e4llt. Das ist ein Irrtum. Es geht um eine erhebliche Einschr\u00e4nkung\nwesentlicher Grundrechte. Versammlungs- und Religionsfreiheit sind\neingeschr\u00e4nkt. Die Freiheit, sich wirtschaftlich zu bet\u00e4tigen (als\nFriseur, Restaurantbesitzerin, Konzertveranstalter, Musikerin usw.)\nund damit die Freiheit der Berufsaus\u00fcbung ist eingeschr\u00e4nkt.\nBewegungs- und Reisefreiheit ist eingeschr\u00e4nkt, usw. Wenn man einem\nan Covid-19 Sterbenden nicht die Hand halten darf, ist das ein\nAntasten der Menschenw\u00fcrde. Ich finde es atemberaubend, wie schnell\nund problemlos sich die Bev\u00f6lkerung damit arrangiert, was sie mit\nwenig Murren bereit ist herzugeben (\u00f6konomisch: Opportunit\u00e4tskosten)\num die Ausbreitung eines Virus zu stoppen, der zu einer vermutlich\nsehr hohen, aber unbekannten Zahl von Toten f\u00fchren wird bzw. w\u00fcrde.\nDie Bereitschaft, sehr viel mildere Ma\u00dfnahmen in Kauf zu nehmen, um\ndie ca. 25.000 Grippetoten in Deutschland 2017\/18 zu vermeiden, war\ndagegen nicht vorhanden. Ich will das nicht bewerten, finde aber die\nBeobachtung interessant, wie unterschiedlich hier kollektive\nG\u00fcterabw\u00e4gungen erfolgen. Wie gesagt: dies zu untersuchen,\ntransparent und bewusst zu machen, einem rationalen Diskurs\nzuzuf\u00fchren, ist Kerngesch\u00e4ft der VWL.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kaum ernsthaft bestritten, dass die staatlich verordneten drastischen Beschr\u00e4nkungen richtig waren, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit keine Engp\u00e4sse bei der intensivmedizinischen Versorgung entstehen und insbesondere \u00c4rztInnen nicht vor das Triage-Problem gestellt werden m\u00fcssen. 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