{"id":550,"date":"2020-02-21T13:51:30","date_gmt":"2020-02-21T12:51:30","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=550"},"modified":"2020-04-20T14:01:29","modified_gmt":"2020-04-20T12:01:29","slug":"effizienz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=550","title":{"rendered":"Effizienz und Fairness"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nEin zentrales normatives Kriterium \u00f6konomischen Denkens ist die\nEffizienz, meist verstanden als Pareto-Effizienz. Nach diesem\nKriterium ist ein Zustand effizient, wenn durch \u00c4nderung des\nZustandes niemand besser gestellt werden kann, ohne dass jemand\nanderes schlechter gestellt werden muss. Alle wechselseitig\nvorteihaften Tauschm\u00f6glichkeiten, die z.B. durch Spezialisierung und\nHandel m\u00f6glich sind, sind dann bereits realisiert worden. Insofern\nist das Kriterium eine direkte Implikation des \u00f6konomischen\nPrinzips, wonach mit gegebenen knappen Mitteln der h\u00f6chstm\u00f6gliche\nZielerreichungsgrad realisiert wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Pareto-Effizienzkriterium ist streng individualistisch, da es sich bei dem \u201cbesser gestellt\u201d und \u201cschlechter gestellt\u201d auf die individuellen Pr\u00e4ferenzen der beteiligten Akteure bezieht. Nur der Einzelne kann seine Pr\u00e4ferenzen wirklich kennen, weshalb das Konzept auch ein Schutz vor paternalisierenden Eingriffen ist. Nun stellt man sich in der (neoklassischen) Volkswirtschaftslehre sehr h\u00e4ufig Individuen vor, deren Pr\u00e4ferenzen \u00e4u\u00dferst schlicht sind, n\u00e4mlich rein eigennutz-orientiert und materiell nicht ges\u00e4ttigt (d.h. mehr von einem Gut steigert stets den Nutzen). Es ist zu betonen, dass diese speziellen Annahmen bez\u00fcglich der Pr\u00e4ferenzen vor allem \u201cBequemlichkeitsannahmen\u201d sind, sie ber\u00fchren nicht den Kern der Nutzentheoie bzw. der Vorstellungen von Rationalit\u00e4t. Unter dieser Bequemlichkeitsannahme kann man dann z.B. ableiten, dass jede Aufteilung eines Kuchens auf X Personen effizient ist, denn jemand kann genau dann ein gr\u00f6\u00dferes Kuchenst\u00fcck bekommen, wenn jemand anderes ein kleineres bekommt \u2013 bei gegebener Kuchengr\u00f6\u00dfe. So wird z.B. argumentiert, weshalb sich Effizienz- und Gerechtigkeitskriterien logisch voneinander trennen lassen. Letztere m\u00fcssen irgendwie begr\u00fcndet werden (folgen aber nicht aus dem \u00f6konomischen Prinzip), w\u00e4hrend Effizienz unabh\u00e4ngig davon stets gew\u00e4hrleistet sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier kommt nun der\nspringende Punkt: sp\u00e4testens aus der Verhaltns\u00f6konomik wissen wir,\ndass Menschen durchaus soziale, gruppen-bezogene Pr\u00e4ferenzen haben.\nSie haben eine Aversion gegen zu viel Ungleichheit, eine Vorliebe f\u00fcr\nFairness, haben verinnerlichte Muster von Reziprozit\u00e4t, die sie\nteilweise zu freiwilliger Kooperation veranlassen, aber auch zu\nSanktionen aus Neid oder bei Regelverletzungen anderer. Menschen sind\nzutiefst gruppen-bezogen und keine isolierten Akteure. Das mag z.B.\nevolution\u00e4re Gr\u00fcnde haben, weil sich durch solche Pr\u00e4ferenzen sehr\nviel leichter Kooperationsvorteile realisieren lassen, sich soziale\nNormen etablieren und stabilisieren k\u00f6nnen, welche\nVerhaltens-Koh\u00e4renz und Reduktion von Unsicherheit gew\u00e4hrleisten.\nSofern sich solche Pr\u00e4ferenzen konsistent darstellen lassen, spricht\nnichts dagegen, die Erwartungsnutzentheorie und damit das \u00f6konomische\nVerst\u00e4ndnis rationaler Entscheidungen nach wie vor zu verwenden,\ndenn diese abstrakten Konzepte setzen nichts \u00fcber den konkreten\nInhalt der individuellen Pr\u00e4ferenzen voraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun kommen wir\nzur\u00fcck auf Pareto-Effizienz: Was geschieht, wenn Menschen eben\nsolche soziale Pr\u00e4ferenzen haben? Wann kann dann ein Zustand als\neffizient gelten? Zun\u00e4chst ist klar, wenn man das Konzept\nformal-analytisch ernst nimmt, dass sich Effizienz- und z.B.\nGerechtigkeits- oder Verteilungsvorstellungen nicht mehr analytisch\nvoneinander trennen lassen, denn die Individuen bewerten ja den\nGesamtzustand, nicht nur isoliert das \u201cKuchenst\u00fcck\u201d, welches f\u00fcr\nsie dabei abf\u00e4llt. Wenn es also Ziel des Wirtschaftens, der\nAllokation knapper G\u00fcter, ist einen effizienten Zustand zu\nerreichen, was k\u00f6nnen dann M\u00e4rkte dabei leisten? In der Neoklassik\ngeht man davon aus, dass unter idealen Bedingungen, die wir hier f\u00fcr\neinen Moment mal akzeptieren wollen, die beteiligten Akteure selbst\nherausfinden k\u00f6nnen, wo es wechselseitig vorteilhafte\nTauschm\u00f6glichkeiten gibt, und sie diese dann realisieren k\u00f6nnen,\nangetrieben durch ihre eigenen, wie gesagt sehr schlichten\nPr\u00e4ferenzen. Was aber passiert, wenn letztere nun nicht mehr rein\nselbst-bezogen sind, sondern sich auf das Allokationsergebnis\ninsgesamt beziehen? Welche Regulierungen bzw. erg\u00e4nzenden\nAllokationsmechanismen sind ggf. notwendig, um Effizienz\nherbeizuf\u00fchren? Ich spreche ich hier nach wie vor von dem\nalthergebrachten Begriff der Pareto-Effizienz, der etablierten\nNutzentheorie, dem \u00fcblichen Rationalit\u00e4tsverst\u00e4ndnis der VWL. Es\ngeht hier gerade eben nicht um radikale Alternativen zur Neoklassik,\nsondern um das radikale Ernstnehmen deren Kernkonzepten (aber\njenseits der Bequemlichkeitsannahmen). Die Konsequenzen sind\neinigerma\u00dfen dramatisch: Begr\u00fcndungen von Marktregulierungen,\nalternativer Governance-Mechanismen, Gemeinwohl- und\nGerechtigkeitsaspekte etc. r\u00fccken in den Fokus. Und zwar durch\nkluges, nein: kl\u00fcgeres Verwenden der Bordmittel der VWL statt durch\ntumbes Einpr\u00fcgeln auf den angeblich ignoranten \u201cMainstream\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein zentrales normatives Kriterium \u00f6konomischen Denkens ist die Effizienz, meist verstanden als Pareto-Effizienz. Nach diesem Kriterium ist ein Zustand effizient, wenn durch \u00c4nderung des Zustandes niemand besser gestellt werden kann, ohne dass jemand anderes schlechter gestellt werden muss. Alle wechselseitig vorteihaften Tauschm\u00f6glichkeiten, die z.B. durch Spezialisierung und Handel m\u00f6glich sind, sind dann bereits realisiert worden. 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