{"id":517,"date":"2019-12-12T08:44:54","date_gmt":"2019-12-12T07:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=517"},"modified":"2019-12-13T14:48:28","modified_gmt":"2019-12-13T13:48:28","slug":"finanztransaktionssteuer-der-vorschlag-von-olaf-scholz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=517","title":{"rendered":"Finanztransaktionssteuer \u2013 der Vorschlag von Olaf Scholz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nDas Konzept sieht kurz gesagt vor, auf K\u00e4ufe von Aktien gro\u00dfer\nUnternehmen eine Transaktionssteuer von 0,2% zu erheben. Aktien\nmittlerer und kleinerer Unternehmen sowie andere finanzielle Assets,\nvor allem Derivate, werden nicht besteuert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Es werden vor allem Kleinsparer zur Kasse gebeten, also z.B. normale Haushalte, die etwas f\u00fcr ihre Altersvorsorge tun wollen\u201d<\/strong>.  Nun ja, wer als Kleinsparer f\u00fcr 1000,- Euro Aktien gro\u00dfer Unternehmen kauft und lange halten will, zahlt einmalig 2,- Euro. Wer vor 5 Jahren 10.000,- Euro in DAX-Werten angelegt und daf\u00fcr einmalig 20,- Euro h\u00e4tte zahlen m\u00fcssen, h\u00e4tte heute also einen Zuwachs von \u201cnur\u201d 3280,- statt 3300,- Euro. Bei einer unsicheren Anlage sind solche Unterschiede Gr\u00f6\u00dfenordnungen, die im statistischen Rauschen untergehen. Die Erbostheit und Dramatik dieser Kritik ist v\u00f6llig \u00fcberzogen.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleinsparer k\u00f6nnten\nja Aktien kleinerer und mittlerer Unternehmen kaufen, wenn sie die\nSteuer umgehen wollen. Das allerdings halte ich f\u00fcr das viel\ngravierende Problem: wie wird diese v\u00f6llig willk\u00fcrliche\nmarktverzerrende Diskriminierung begr\u00fcndet, nur Transaktionen\nbestimmter ausgew\u00e4hlter Aktien zu besteuern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Kritiker\nhalten Scholz\u2019 Vorschlag f\u00fcr <em>unzureichend<\/em>, d.h. die\nTransaktionssteuer geht <em>nicht weit genug<\/em>. Alle Aktien und auch\nDerivate usw. sollten ihrer Ansicht nach einbezogen werden. Dann aber\nentbehrt das Jammern \u00fcber die belasteten Kleinsparer der Logik, denn\nes w\u00fcrden dann ja <em>mehr<\/em> und nicht weniger Assets besteuert.\nKleinsparer k\u00f6nnen durchaus, statt nur Aktien zu kaufen, ihr\nKleinverm\u00f6gen durch Algo-Trader verwalten lassen, die mehr als nur\nAktien in ihr Portfolio einbeziehen. Das w\u00fcrde dann entsprechend\nteurer, wenn man den Vorschlag von Scholz noch weiter ausdehnen\nw\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Die\neige<\/strong><strong>n<\/strong><strong>tlichen Verursacher der Finanzkrise, die\nSpekulanten, trifft man mit diesem Steuerkonzept gar nicht.\u201d<\/strong>\nHier sind gleich mehrere Vorurteile und Merkw\u00fcrdigkeiten versammelt:\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Verursacher der Finanzkrise\u201d<\/strong>? Die Finanzkrise von 2008 ist Resultat eines Geflechts von Ursachen und Wirkungsketten. Es f\u00e4ngt an bei der staatlichen F\u00f6rderung des H\u00e4userkaufs f\u00fcr Familien mit geringem Einkommen im US-Markt, gest\u00fctzt durch niedrige Zinsen der Fed, was zur Entwicklung des Subprime-Marktes gef\u00fchrt hat, welcher einen Anreiz zur \u00dcberschuldung gab. Es geht weiter \u00fcber neue Finanztechniken der B\u00fcndelung, des Tranching und der Verbirefung der Subprime-Anspr\u00fcche, die dann an Dritte weiterkauft wurden. Und weiter \u00fcber das unsachgem\u00e4\u00dfe und \u00fcber-optimistische Rating dieser Derivate durch Rating-Agenturen. Auch die Globalisierung der Kapitalm\u00e4rkte, die eine internationale Diversifizierung von Portfolios m\u00f6glich machte, spielt eine Rolle, so dass eigentlich \u201ctoxische\u201d Derivate auch von Banken anderer L\u00e4nder gehalten wurden (allerdings meist im Glauben an das AA-Rating). Ferner die Verflechtung der Finanzinstitute untereinander, was zu Ansteckungs- und Kaskadeneffekten im Fall der Schieflage v.a. \u201csystemrelevanter\u201d Player f\u00fchren kann. Schlie\u00dflich gibt es selbstverst\u00e4rkende Effekte durch Geldmarktfonds, welche Banken kurzfristige Liquidit\u00e4t bereitstellen, selbst aber Run-anf\u00e4llig sind und bei kurzfristigem Abzug ihrer Mittel aufgrund von Nervosit\u00e4t der Anleger ihrerseits den Banken Liquidit\u00e4t entziehen m\u00fcssen genau dann, wenn diese sie aufgrund derselben Nervosit\u00e4t am meisten brauchen. Undsoweiter, undsoweiter. Wem die technischen und \u00f6konomischen Details zu kompliziert sind, der fasst es gern mit \u201cDie Spekulanten sind Schuld\u201d zusammen und schimpft auf \u201czockende Banken\u201d. Solchen Leuten w\u00fcrde ich aber nur sehr ungerne die Deutungshoheit \u00fcber die Finanzkrise oder die Gestaltung der Spielregeln f\u00fcr das Finanzsystem und regulatorischen Eingriffe \u00fcberlassen. Nach 10 Jahren der Diskussion \u00fcberkommen mich inzwischen narkoleptische Anf\u00e4lle, wenn wieder jemand von \u201czockenden Banken\u201d schwadroniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Die Spekulanten\u201d<\/strong>: \u00d6konomisch gesehen ist Spekulation das Ausnutzen (erwarteter) Preisunterschiede in der Zeit. Der (erwartete, jedoch unsichere) Gewinn wird nicht durch Erstellung einer sichtbaren \u00f6konomischen Leistung, einer Wertsch\u00f6pfung erzielt, sondern nur durch das Kaufen und Verkaufen eines Assets zur richtigen Zeit. Das erscheint vielen ZeitgenossInnen suspekt und n\u00e4hrt eine tief verwurzelte Aversion gegen \u201cSpekulanten\u201d (\u00fcbrigens ein Ausdruck, der auch bei Gr\u00fcnen und Linken \u00e4u\u00dferst selten in gegenderter Form vorkommt). Wenden wir uns wieder dem Kleinsparer zu, der Aktien f\u00fcr seine Altersvorsorge kauft. Selbstredend wird hier akzeptiert, dass unser Kleinsparer von einer Wertsteigerung \u00fcber viele Jahre hinweg ausgehen kann. Was ist das anderes als Spekulation? Man kann sich auch nicht herausreden damit, dass es ja in der langen Frist \u201cfundamentale\u201d Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Wertsteigerung gibt. Ja, klar. Aber auch diese sind unsicher und man muss dar\u00fcber Erwartungen bilden. Es gibt auch <em>kurzfristige fundamentale<\/em> Gr\u00fcnde, wenn ich z.B. aufgrund von Wetterprognosen Ernteausf\u00e4lle erwarte und deshalb bestimmte Agro-Wertpapiere lieber schon heute verkaufe. Oder wenn ein populistischer unberechenbarer Staatschef den Notenbankchef feuert und gegen einen unf\u00e4higen Vasallen austauscht, wird das mein Vertrauen in die W\u00e4hrung dieses Landes nicht gerade st\u00e4rken und ich werde diese W\u00e4hrung aus dem Portfolio schmei\u00dfen. Der Kurs wird entsprechend sinken. Und das ist auch der \u00f6konomische Sinn hinter Spekulation: die schnelle Einspeisung neuer Informationen oder auch nur Erwartungen in das Preissystem der Finanzm\u00e4rkte. Problematisch kann es zwar durchaus werden, wenn Erwartungen selbstreferentiell werden und dann z.B. Kurse deshalb und nur deshalb steigen, weil alle Marktteilnehmer glauben, dass alle anderen Teilnehmer an steigende Kurse glauben und deshalb investieren. Es gibt aber keine M\u00f6glichkeit, im vorhinein \u201cgerechtfertigte\u201d von \u201c\u00fcbertreibender\u201d Spekulation zu unterscheiden. Das w\u00fcrde Wissen voraussetzen, das niemand im vorhinein haben kann.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens setzen viele Finanzinvestoren \u2013 die den Vorurteilen nach angeblich immer nur kurzfristige Profitmaximierer sind \u2013 verst\u00e4rkt auf gr\u00fcne Investments, weil sie erkennen, dass in der langen Frist nur eine dekarbonisierte und ressourcensparende Wirtschaft erfolgreich sein kann. Im klassischen Sinn <em>spekulieren<\/em> sie also auf Green Economy. Das f\u00fchrt dazu, dass gr\u00fcne Assets inzwischen knapp werden. Gr\u00fcne Fonds k\u00f6nnen so zwar stolz ihre Wertentwicklung zeigen und Green Investment muss nicht nur vom guten Gewissen leben, sondern kann auch Renditen vorweisen, wenigstens auf dem Papier. Aber Anlegeprofis warnen schon vor \u00dcbertreibungen: Fangen alle an, verst\u00e4rkt gr\u00fcne Investments nachzufragen, \u00fcbertreibt die Wertentwicklung die derzeit erkennbare und absch\u00e4tzbare Wertsch\u00f6pfung in diesen Bereichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nebenbei: Die\nselektive Wahrnehmung, bei politisch angenehmen Investments das Wort\n\u201cSpekulation\u201d tunlichst zu vermeiden, und diese in allen anderen\nF\u00e4llen mit \u201cZocken\u201d gleichzusetzen und ihr somit eine rein\nnegative Konnotation aufzudr\u00fccken, ist auch in anderer Hinsicht\nmerkw\u00fcrdig. Bei zinstragenden Assets mit festen Anspr\u00fcchen f\u00fchlt\nman sich dem \u201czockenden\u201d Anleger, der in volatile unsichere\nAssets investiert, moralisch \u00fcberlegen. Man investiert ja solide,\nkonservativ. Der Mehrwert, den eine Investition letztlich durch reale\nWertsch\u00f6pfung hervorbringen soll, wird aber immer unter\nUnsicherheit, also einem unternehmerischen Risiko erzeugt. Der\n\u201czockende\u201d Anleger, dessen Spekulation \u2013 siehe oben \u2013\nimmerhin i.d.R. auch die Informationseffizienz des Preissystems\nerh\u00f6ht, tr\u00e4gt selbst ein \u00f6konomisches Risiko. Der Anleger in\nZinstitel nicht. Wieso sollte es moralisch wertvoller sein, einen\nfast risikolosen (und im Bankrottfall: priorisierten) Anspruch auf\neinen Mehrwert geltend zu machen, der nur unter hohem\nunternehmerischem Risiko erzeugt werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck zu den\nAktienk\u00e4ufen, die nach Scholz\u2019 Vorschlag besteuert werden sollen.\nWie bereits gesagt, sind die einmaligen Kosten in dem Fall, wo die\nAktie langfristig gehalten wird, vernachl\u00e4ssigbar. Kommen wir jetzt\nzu den b\u00f6sen Zockern, die lediglich \u201ckurzfristig spekulieren\u201d\nwollen und deshalb ihr Aktienportfolio t\u00e4glich, ja st\u00fcndlich\numbauen. Diese w\u00e4ren allerdings durch die Transaktionssteuer sehr\nstark getroffen. W\u00fcrde ich oben genanntes 10.000,- Euro\nDAX-Aktienportfolio t\u00e4glich umbauen, w\u00e4ren nach 5 Jahren (bei 5\nHandelstagen die Woche) nicht nur 20,- sondern 2.600,- Euro\nTransaktionskosten f\u00e4llig. Der Hochfrequenzhandel im\nMillisekundenbereich k\u00e4me g\u00e4nzlich zum Erliegen (jedenfalls der\nHandel mit dieser Sorte von Aktien).  Also insofern ist der Vorschlag\nsehr wohl geeignet, diese \u201ckurzfristige Spekulation\u201d zu beenden.\nW\u00fcrde der Vorschlag auf alle m\u00f6glichen finanziellen Assets\nausgedehnt, so k\u00e4me jedweder Hochfrequenz- oder auch nur kurzfristig\norientierte Handel zum Erliegen. Ich gehe davon aus, dass vielen\nKritikerInnen der Scholz-Vorschlag nicht weit genug geht, was das\nEind\u00e4mmen kurzfristiger Spekulation angeht. Aber man kann nicht\nbehaupten, dass der Vorschlag nicht im Grundsatz dazu geeignet ist &#8211;\nfalls man denn dieses Ziel hat. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier kommen wir nun\nzu dem urspr\u00fcnglichen Zweck einer Finanztransaktionssteuer, welche\ndurch die Tobin-Steuer inspiriert wurde. Man m\u00f6chte die hohe\nVolatilit\u00e4t (und dadurch erzeugte Unsicherheit), die sich nicht\ndurch fundamentale Faktoren erkl\u00e4ren und somit rechtfertigen l\u00e4sst,\nverringern, und auch das Abdriften der Preisentwicklung vom\n\u201cFundamentalwert\u201d vermeiden. Das soll insgesamt zu einer h\u00f6heren\n\u201cFinanzstabilit\u00e4t\u201d beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wird denn die Volatilit\u00e4t einged\u00e4mmt?<\/strong> Empirische Erfahrungen von L\u00e4ndern mit einer Transaktionssteuer zeigen, dass das eher nicht der Fall ist. Warum \u00fcberrascht mich das nicht? Wie oben gezeigt, f\u00fchrt kurzfristige Spekulation dazu, dass viele kleine und gr\u00f6\u00dfere neue Informationen oder auch nur Erwartungen \u00fcber irgendwelche kursrelevanten Dinge schnell eingepreist werden. Finanzm\u00e4rkte sind dann weniger \u201c\u00fcberraschbarer\u201d, nehmen vieles vorweg. Wenn kleine kurzfristige Portfolioanpassungen aber unterbleiben, weil sie pl\u00f6tzlich durch die Steuer teuer sind, werden sie erst dann vorgenommen, wenn ein Asset <em>deutlich<\/em> \u00fcber- oder unterbewertet erscheint. Dann sind die Kursausschl\u00e4ge entsprechend gr\u00f6\u00dfer. Au\u00dferdem wird das gesamte t\u00e4gliche Handelsvolumen erheblich eingeschr\u00e4nkt. Das bedeutet nichts anderes, als dass diese Assets <em>weniger liquide<\/em> sind: es wird schwieriger, Tauschpartner zu finden. Das ist nicht gerade von Vorteil f\u00fcr das reibungslose Funktionieren eines Marktes. Wenn wenig am Markt getauscht wird, dann k\u00f6nnen im \u00fcbrigen schon die Trades einiger weniger den Preis beeinflussen. Es ist also keineswegs klar, dass die Volatilit\u00e4t kleiner wird. Es ist \u00fcbrigens auch eine Funktion des Hochfrequenzhandels als <em>market maker<\/em> zu fungieren: das Asset bleibt stets liquide, praktisch jeder trade, der aufgrund neuer Informationen jemandem notwendig erscheint, kann auch durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Liegen die Prise dann n\u00e4her am Fundamentalwert?<\/strong> <strong>Gibt es weniger \u201c\u00dcbertreibungen\u201d?<\/strong> Dazu m\u00fcsste man wissen, was denn der \u201cFundamentalwert\u201d eines Assets ist. Bei Aktien wird genre der abdiskontierte Gegenwartswert der zuk\u00fcnftigen Gewinne als fundamentaler \u201cWert\u201d der Unternehmung postuliert. Aber die zuk\u00fcnftigen Gewinne kennen wir nicht, d.h. faktisch sind es <em>erwartete<\/em> Gewinne, also spielen Millionen von individuellen, jeweils informationsgetriebenen Erwartungen der AnlegerInnen eine Rolle. Bei festverzinslichen Wertpapieren spiegeln die effektiven Renditen (und damit die Preise der Papiere) u.a. das Ausfallrisiko wider. Auch dieses ist nicht objektiv gegeben, sondern ist erwartungsabh\u00e4ngig. \u00dcber die Entwicklung von \u201cBlasen\u201d und deren \u201cPlatzen\u201d kann ein jeder schwadronieren \u2013 insbesondere dann, wenn man keine Ahnung vom Fundamentalwert hat, obgleich die starke Abweichung von eben diesem eine Blase definiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wird\nFinanzstabilit\u00e4t gesichert?<\/strong> F\u00fcr viele Menschen vermitteln\nvolatile Kurse den Eindruck von \u201cInstabilit\u00e4t\u201d. Wenn sich Preise\nfinanzieller Assets dagegen in ruhigen Bahnen bewegen, glaubt man,\ndas Finanzsystem sei stabil. Das ist ein gef\u00e4hrlicher Irrtum.\nFinanzakteure haben Kenntnisse und Mittel, wie man mit Volatilit\u00e4t\numgeht, sie ist nicht <em>per se<\/em> ein Problem. Auch aus diesem\nGrund gibt es Finanzderivate wie z.B. options, um Risiken aus der\nKursentwicklung eingrenzen (\u201chedgen\u201d) zu k\u00f6nnen. Wenn\n\u00d6konomInnen von Finanzstabilit\u00e4t sprechen, so meinen sie\neigentlich, dass das gesamte Finanzsystem, insbesondere die Banken\nmit ihren Einlagen der Kunden, nicht durch sich ausbreitende Schocks\nins Wanken kommt. Das hat etwas mit der Art der Regulierung auf die\nMikroebene einzelner Banken, vor allem aber auch mit\nmakroprudenzieller Regulierung zu tun. Die Netzwerkstruktur der\nFinanzinstitute untereinander spielt ebenso eine Rolle wie die\nIdentifikation sog. \u201csystemischer\u201d Risiken. Kurzfristige\nKursschwankungen hingegen spielen hierbei keine besondere Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Statt normaler Aktien sollte man doch lieber diese \u2018Zockerinstrumente\u2019 wie z.B. Derivate besteuern\u201d<\/strong>. Das h\u00f6rt man h\u00e4ufig gerade von denjenigen, die wenig bis gar nichts von Derivaten verstehen. Die nicht wissen, was eine put option ist oder was der Sinn von asset backed securities ist. Nat\u00fcrlich gibt es auch Finanzprodukte und Finanztechnologien, die fragw\u00fcrdig sind, und die am Ende (systemisch) mehr Schaden als Nutzen bringen. Das ist dann aber eine Frage der <em>Regulierung<\/em> und der <em>Zulassung zum Handel<\/em>, nicht eine Frage der Besteuerung. Und bei der Beantwortung dieser Frage w\u00fcrde ich mich wohler f\u00fchlen, wenn das ExpertInnen t\u00e4ten, die davon Ahnung haben. Wenn man z.B. eine Solaraktie kauft, weil man darauf spekuliert, dass dieser Markt k\u00fcnftig boomen wird, das Geld aber n\u00e4chstes Jahr braucht und man nicht wei\u00df, ob nicht ausgerechnet dann der Kurs zuf\u00e4llig sehr niedrig ist, k\u00f6nnte man dieses Risiko durch das k\u00e4uflich zu erwerbende Recht absichern, die Aktie zu diesem sp\u00e4teren Zeitpunkt X zu einem schon heute vereinbarten Preis an die Marktgegenseite zu verkaufen. Mit anderen Worten: Wer das <em>Spekulationsrisiko gerade begrenzen<\/em> will, kann sich eine put option kaufen, sprich: ein Derivat. Wer heute viel in die Aussaat und Pflege von Mais investiert, ohne zu wissen wie hoch der Maispreis im September sein wird, wenn der Mais geerntet wird, kann ebenfalls eine solche put option, sprich: ein Derivat kaufen, um dieses unternehmerische Risiko abzusichern. Wenn eine Bank langfristige Kredite in der Bilanz hat, die vermutlich ausfallbedroht sind, und das Risiko, ob alle oder Teile komplett oder teilweise ausfallen, zu heikel ist, k\u00f6nnte sie die Anspr\u00fcche b\u00fcndeln und verbriefen und weiterverkaufen als asset backed securities an jemanden, der sich etwas mehr Risiko im Portfolio leisten kann oder \u00fcber bessere Hedgingm\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt als die Bank. Kollektiv gesehen w\u00e4re das eine bessere Risikoallokation. Zudem wird durch die erh\u00f6hte Liquidit\u00e4t aufgrund potenzieller Verbriefbarkeit die Kreditvergabe attraktiver (Senkung Liquidit\u00e4tspr\u00e4mien). Die Beispiele zeigen, dass Derivate durchaus kluges Risiko- und Liquidit\u00e4tsmanagement erleichtern k\u00f6nnen und insofern auch f\u00fcr das genaue Gegenteil von \u201cZocken\u201d stehen k\u00f6nnen.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<strong>Diese Mini-Transaktionssteuer, die erst 10 Jahre nach der Finanzkrise kommt, reicht bei weitem nicht aus, um die Verursacher der Krise an den Kosten der Finanzstabilit\u00e4t zu beteiligen.\u201d<\/strong> Auch da geht manches durcheinander. Der urspr\u00fcngliche Zweck einer Finanztransaktionssteuer war es, kurzfristige spekulative Trades unrentabel zu machen in der Hoffnung, dass dadurch mehr Ruhe in die M\u00e4rkte kommt, d.h. die Volatilit\u00e4t abnimmt, und spekulative \u00dcbertreibungen nicht so schnell den Preis vom Fundamentalwert wegtreiben. Der Zweck war explizit <em>nicht<\/em> eine hohe Ergiebigkeit der Steuer, um damit anderweitige Aufgaben zu finanzieren. Wenn man dauerhaft nennenswerte Steuereinnahmen generieren m\u00f6chte, dann sollte man daf\u00fcr keine Steuer verwenden, deren wesentlicher Effekt es ist (und sein soll), die eigene Steuerbemessungsgrundlage zu erodieren (hier: die Anzahl der Trades). Das ist sinnbefreit. Ganz generell ist es fragw\u00fcrdig, mit Lenkungssteuern dauerhafte Aufgaben zu finanzieren, denn wenn der Lenkungseffekt erf\u00fcllt ist, sollten die Steuereinnahmen minimal werden.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Beteiligung des Finanzsektors an der Finanzierung von Finanzstabilit\u00e4t wird bereits anderweitig realisiert. Zum einen gibt es h\u00f6here Eigenkapitalanforderungen, zum anderen gibt es Beitr\u00e4ge f\u00fcr Fonds, aus denen Finanzhilfen im Fall von Schieflagen bezahlt werden sollen, ohne daf\u00fcr den Steuerzahler bem\u00fchen zu m\u00fcssen. Das hat mit der Transaktionssteuer nichts zu tun. Zudem ist Finanzstabilit\u00e4t nur zu einem (geringeren) Teil eine Frage irgendwelcher zu finanzierender Fonds, sondern vor allem eine Frage einer <em>besseren Regulierung und Finanzaufsicht<\/em>. Hier hat sich bereits vieles getan, auch wenn man da noch nicht alle diskutierten M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft hat, Stichwort: Bankenunion, europ\u00e4ische Einlagenr\u00fcckversicherung, Eigenkapitaldeckung auch f\u00fcr Staatsanleihen. Wer dennoch den Finanzsektor st\u00e4rker zur Kasse bitten, die \u201cKleinanleger\u201d aber schonen m\u00f6chte, sollte sich die <em>Financial Acitivity Tax<\/em> als Alternative anschauen sowie die weiteren Vorschl\u00e4ge des Internationalen W\u00e4hrungsfonds. Die Finanztransaktionssteuer ist da nicht das Mittel der Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche mir\neine informierte Debatte, in der Begriffe wie Spekulation, Derivate,\nHochfrequenzhandel, Hedging, nicht suggestiv auf Ressentiments der\nZuh\u00f6rer setzen, die in der Regel davon wenig bis keine Ahnung haben.\nEine Debatte, in der Ziele und Zielkonflikte klar benannt sind\n(\u201cgegen Spekulation\u201d impliziert keineswegs \u201cmehr\nFinanzstabilit\u00e4t\u201d, und \u201cLenkungswirkung erzielen\u201d und\n\u201cergiebige Steuereinnahmen erzielen\u201d passen nicht recht\nzusammen). Eine Debatte, wo nicht auf laienhafte Intuition bei den\nWirkungsmechanismen, sondern auf Theorie und empirische Evidenz\ngesetzt wird. Und bitte nicht immer \u201cden Kleinsparer\u201d oder \u201cden\nMittelstand\u201d oder \u201cden Normalverdiener\u201d wie ein nicht\nangreifbares moralisches Schutzschild vor sich hertragen, wenn es\nkeine Evidenz daf\u00fcr gibt, dass diese besonders betroffen sind. Ich\nhabe Zweifel, ob man dann zu dem Schluss kommen wird, dass eine\nFinanztransaktionssteuer \u00fcberhaupt ein zielf\u00fchrendes Instrument\nist. Es soll ja schlie\u00dflich um effiziente Erreichung klar\ndefinierter Ziele gehen, und nicht darum, ein seit Jahrzehnten\npropagiertes Instrument um seiner selbst willen zum Durchbruch zu\nverhelfen. Ich denke, dass es viel wichtigere Baustellen auf dem Weg\nzu Finanzstabilit\u00e4t und relativ wenig Bedarf an neuartigen\nSteuereinnahmen gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Konzept sieht kurz gesagt vor, auf K\u00e4ufe von Aktien gro\u00dfer Unternehmen eine Transaktionssteuer von 0,2% zu erheben. 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