{"id":468,"date":"2019-04-12T15:13:30","date_gmt":"2019-04-12T13:13:30","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=468"},"modified":"2020-02-21T13:33:37","modified_gmt":"2020-02-21T12:33:37","slug":"nachhaltigkeit-als-prinzip-einer-wettbewerblichen-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=468","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit als Prinzip einer wettbewerblichen Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Ordnungs\u00f6konomische Prinzipien wie etwa die von Eucken beschreiben die f\u00fcr eine funktionierende Marktwirtschaft als konstitutiv angesehenen Merkmale. Man kann argumentieren, dass \u00f6kologische Nachhaltigkeit in diesen Kanon hineingeh\u00f6rt. Zum einen hat es keinen Sinn von einer \u201cfunktionierenden\u201d Marktwirtschaft zu sprechen, wenn diese systematisch zu einer \u00dcbernutzung von Ressourcen, Zerst\u00f6rung \u00f6kologischer Lebensgrundlagen und zu einem lebensbedrohlichen Klimawandel f\u00fchrt. Damit w\u00fcrde sich die Marktwirtschaft ihrer eigenen langfristigen Grundlagen berauben. Insofern man diese negativen \u00f6kologischen Konsequenzen als Externalit\u00e4ten auffasst, so ist deren Internalisierung also nicht nur ein <em>regulatorischer<\/em> Eingriff zur <em>Verbesserung<\/em> der Effizienz des Marktsystems, sondern <em>konstitutiv<\/em> f\u00fcr den langfristigen Bestand der Wirtschaftsordnung. Zum anderen unterminiert eine nicht nachhaltige Entwicklung letztlich die <em>Freiheitsrechte k\u00fcnftiger Generationen<\/em>. Sieht man die institutionelle Garantie von Freiheitsrechten als konstitutiv an (wie etwa bei Eucken), so sind die Rechte k\u00fcnftiger Generationen nicht als inferior zu vernachl\u00e4ssigen. Eine Vernachl\u00e4ssigung \u00f6kologischer Nachhaltigkeit ist deshalb in Bezug auf sp\u00e4tere Genarationen \u00e4hnlich zu werten wie der Entzug wirtschaftlicher Freiheiten heute lebender Individuen zugunsten anderer heute lebender Individuen. W\u00e4hrend wirtschaftlicher Wettbewerb die Machtpositionen der einen, welche die Freiheit der anderen beschr\u00e4nken, aufl\u00f6sen soll und kann, so ist dies im Fall des intergereativen Freiheitsentzugs nicht m\u00f6glich. Daher ist instiotutionell durch eine Nachhaltigkeitspolitik daf\u00fcr zu sorgen, dass k\u00fcnftige Generationen gen\u00fcgend Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit bleibt.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend nach dem\nZweiten Weltkrieg der Ordoliberalismus die Notwendigkeit des sozialen\nAusgleichs erkannt und zu einem integralen Bestandteil der\nWirtschaftsordnung gemacht hat (\u201cSoziale Marktwirtschaft\u201d), so\nsollte nach 50 Jahren Diskussion \u00fcber die \u00f6kologischen Grenzen des\nWachstums und nachhaltiger Wirtschaftsweise die Erkenntnis stehen,\ndass auch \u00f6kologische Nachhaltigkeit konstitutives Merkmal der\nWirtschaftsordnung ist, und demzufolge eine \u201c<em>\u00d6kologisch-soziale\nMarktwirtschaft<\/em>\u201d als Leitkonzept akzeptiert werden sollte.\nDiese normative Festlegung w\u00fcrde den Staat zu einer entsprechenden\nNachhaltigkeitspolitik verpflichten. Angesichts der enormen\nHerausforderungen des Klimawandels (neben vielen anderen\nProblemfeldern) erfordert dies drastische Schritte, auch wenn diese\nim Detail nicht direkt aus dem ordnungspolitischen Konzept abgeleitet\nwerden k\u00f6nnen. Trotz dieser Herausforderungen an eine aktive\nstaatliche Politik ist aber auch klar, dass wettbewerbliche M\u00e4rkte\naufgrund ihrer F\u00e4higkeit zur Anpassung, zur Innovation und zur\nBew\u00e4ltigung von Strukturwandel notwendig sind \u2013 sie also vom\nProblem zum Teil der L\u00f6sung werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sowohl die langfristigen Konsequenzen von Handlungen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen, als auch die entfernt liegenden Handlungskonsequenzen entlang globaler Wertsch\u00f6pfungsketten sind f\u00fcr Individuen kaum absch\u00e4tzbar oder sichtbar. Versucht der Staat Externalit\u00e4ten zu internalisieren, so spiegeln sich zumindest teilweise die Handlungskonsequenzen in den Preisen wider. Aber <em>erstens<\/em> gelingt dies nur sehr unvollkommen (wer kennt schon das sozial optimale Niveau?), <em>zweitens<\/em> hat der Staat nur Internalisierungsm\u00f6glichkeiten innerhalb nationaler oder durch Handelsabkommen determinierter Grenzen, also nicht entlang der gesamten Produktionskette. Und <em>drittens<\/em> hat die Internalisierungslogik Grenzen, die in der Natur sozialer Pr\u00e4ferenzen liegt: Wenn ein Konsument Pr\u00e4ferenzen (etwa ethische \u00dcberzeugungen) hat, die von vornherein den Kauf von G\u00fctern <em>ausschlie\u00dft<\/em>, die mit Kinder- oder Sklavenarbeit hergestellt wurden, so n\u00fctzt es nichts, wenn Kinderarbeit als &#8222;negative Externalit\u00e4t&#8220; internalisiert wurde um sie auf ein \u201csozial optimales Niveau\u201d zu reduzieren. Die <em>Tatsache als solche<\/em>, ob Kinderarbeit enthalten ist oder nicht, ist dem Preissystem nicht zu entnehmen. Hinzu kommt, dass das Individuum nie wissen kann, ob alle Staaten entlang der Produktionskette eine ad\u00e4quate Internalisierungspolitik betreiben. Damit erzeugt die Zergliederung des Produktionsprozesses infolge zunehmender globaler Arbeitsteilung <em>asymmetrische Informationen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurzum: Im Fall sozialer Pr\u00e4ferenzen, wo aufgekl\u00e4rte Individuen die <em>Konsequenzen ihrer Handlungen verantworten<\/em> <em>wollen<\/em> \u2013 und nach Auffassung des Liberalismus auch <em>sollen<\/em> \u2013 bietet das Markt- bzw. Preissystem nicht immer ad\u00e4quaten M\u00f6glichkeiten dies zu tun. Dies ist faktisch eine <em>Reduktion von Freiheitsrechten<\/em>, wenn einem die M\u00f6glichkeit genommen wird, Verantwortung f\u00fcr die eigenen Handlungskonsequenzen zu \u00fcbernehmen. Nebenbei bemerkt kann die Allokation dann nicht mehr pareto-effizient sein, weil der ultimative Ma\u00dfstab f\u00fcr Effizienz die (ggf. sozialen) Pr\u00e4ferenzen der Individuen sind. Demzufolge muss eine liberale marktwirtschaftliche Politik in Zeiten globalisierter Produktionsketten und langfristiger intergenerativer Handlungsfolgen die Mischung marktlicher und regulatorischer Allokationsmechanismen neu denken. Ein Liberalismus, der in der Vorstellung \u201cmehr Markt = mehr individuelle Freiheit, mehr Staat = mehr Bevormundung\u201d verhaftet ist, hat diese Zusammenh\u00e4nge nicht wirklich verstanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ordnungs\u00f6konomische Prinzipien wie etwa die von Eucken beschreiben die f\u00fcr eine funktionierende Marktwirtschaft als konstitutiv angesehenen Merkmale. Man kann argumentieren, dass \u00f6kologische Nachhaltigkeit in diesen Kanon hineingeh\u00f6rt. 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