{"id":391,"date":"2018-07-11T17:23:32","date_gmt":"2018-07-11T15:23:32","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=391"},"modified":"2018-07-27T18:13:05","modified_gmt":"2018-07-27T16:13:05","slug":"target2-und-euroaustritt-ein-pulverfass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=391","title":{"rendered":"Target2 und Euroaustritt &#8211; ein &#8222;Pulverfass&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Target2-Salden entstehen durch grenz\u00fcberschreitende Buchungsvorg\u00e4nge, und auch <em>nur deshalb<\/em>, weil trotz der W\u00e4hrungsunion weiterhin nationale Zentralbanken existieren statt nur die EZB. Bei einem grenz\u00fcberschreitenden Transfer zwischen Gesch\u00e4ftsbanken, welcher \u00fcber die jeweiligen nationalen Zentralbanken abgewickelt wird, flie\u00dfen sowohl Depositen (Passivseite) als auch Reserven (Aktivseite) von der italienischen Bank A zur deutschen Bank B (vermittelt \u00fcber die jeweiligen nationalen Zentralbanken). Dadurch entsteht aber eine Differenz zwischen Aktiv- und Passivseite der jeweiligen Zentralbankbilanz &#8211; die Banca d&#8217;Italia hat also dieselben Assets wie zuvor, jedoch weniger Reserven, folglich einen Saldo auf der Passivseite. Entsprechend umgekehrt ist es bei der Deutschen Bundesbank. G\u00e4be es lediglich die EZB, w\u00e4re dieses ganze Problem v\u00f6llig unbekannt, kein \u00d6konom w\u00fcrde Alarm schlagen, keine Zeitung dar\u00fcber schreiben. Normalerweise stehen bei einer nationalen Zentralbank den Reserven (plus Bargeld) entsprechende Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde gegen\u00fcber, also vor allem Wertpapiere oder Forderungen gegen\u00fcber nationalen Gesch\u00e4ftsbanken. Durch den Zufluss von Reserven an deutsche Gesch\u00e4ftsbanken, die die Deutsche Bundesbank gar nicht geschaffen hat, sondern die durch \u00dcberweisung nach Deutschland gekommen sind, entsteht eine T2- \u201cForderung\u201d der Bundesbank auf der Aktivseite, die man als Forderung gegen\u00fcber der EZB betrachtet. Umgekehrt ist es bei der Banca d\u2019Italia, die eine T2- \u201cVerbindlichkeit\u201d gegen\u00fcber der EZB hat. Zun\u00e4chst einmal kommt die Sprechweise von \u201cForderung\u201d und \u201cVerbindlichkeit\u201d durch die \u00fcbliche Interpretation der Aktiv- und Passivseite einer Bilanz zustande. Faktisch hat sich die Banca d\u2019Italia aber gar keine Mittel von der Bundesbank \u201cgeliehen\u201d, schon gar nicht hat \u201cDeutschland\u201d Geld an \u201cItalien\u201d verliehen, welches dieses Geld irgendwie verjubelt hat (auch wenn das gescheit klingt wie &#8222;&#8230; zur Finanzierung des Zahlungsbilanzdefizits&#8220;). Die Interpretation der T2-Salden als &#8222;Kredit&#8220; ist also zu recht sehr umstritten. Ich lehne sie ab.<\/p>\n<p>Die Sorge ist nun, dass im Fall des Austritts eines T2- \u201cSchuldner\u201d-Landes aus der EWU man diese Salden \u00e4hnlich wie einen faulen Kredit\u00a0 &#8222;abschreiben&#8220; muss, da es sich nicht um eine werthaltige Forderung handelt. Schlie\u00dflich wird das Land ja aufgrund gro\u00dfer finanzieller Probleme ausgetreten sein und daher weder in der Lage noch willens sein, einen Saldo zu begleichen. M\u00fcsste die Bundesbank eine riesige T2- \u201cForderung\u201d abschreiben, so w\u00e4re ihr Eigenkapital mehr als aufgebraucht, es w\u00fcrde negativ werden. Das w\u00e4re an sich nicht unbedingt ein Problem (im Unterschied zu einer Gesch\u00e4ftsbank, die dann insolvent w\u00e4re), aber man w\u00fcrde dies vermeiden wollen, indem man den T2-Saldo als reinen Buchungsposten einfach stehen lie\u00dfe. Im Fall, dass die &#8222;Billionen-Forderung&#8220; abgeschrieben w\u00fcrde, m\u00fcsste gegebenenfalls die Bundesbank durch den &#8211; Gott bewahre! &#8211; deutschen Steuerzahler rekapitalisiert werden. Das ist das Schreckensszenario, das k\u00fcrzlich wieder durch die Tageszeitungen ging (wie immer mit der l\u00f6blichen Ausnahme der sehr sorgf\u00e4ltigen Kolumnen von Gerald Braunberger in der FAZ).<\/p>\n<p>Klar ist, dass die Banca d&#8217;Itlaia Teil des ESZB ist und die Wertpapiere auf ihrer Aktivseite dem ESZB geh\u00f6ren. Steht als Gegenbuchung nun ein T2-Saldo in ihrer Bilanz, so <em>entsteht<\/em> dann &#8211; und nur dann und in diesem Moment &#8211; eine <em>Forderung<\/em> des ESZB auf R\u00fcck\u00fcbereignung der Wertpapiere in H\u00f6he des T2-Saldos, als <em>Folge<\/em> des Austritts aus dem ESZB. Es kann ja nicht sein, dass die Banca d&#8217;Italia nach einer W\u00e4hrungsreform ihre Reserven in Lira umwandelt und die Wertpapiere, denen ja Euro-Forderungen der Banken gegen\u00fcberstehen, einfach als Anfangskapitalausstattung beh\u00e4lt. Es ist aber davon auszugehen, dass in der Banca d&#8217;Italia vern\u00fcnftige Leute mit Expertise sitzen, die genau wissen, dass man auch nach Austritt Italiens aus dem Euro den Zahlungsverkehr mit der Eurozone aufrechterhalten muss. Dies w\u00fcrde durch das eben skizzierte Vorgehen, welches spiegelbildlich die &#8222;Abschreibung einer Billionenforderung&#8220; auf der Bundesbankbilanz zur Folge h\u00e4tte, stark gef\u00e4hrdet und w\u00fcrde Italien wirtschaftliche vom Euroraum abschneiden.\u00a0 Interessanterweise sind es ja oft dieselben \u00d6konomen, die vor einer T2-Katastrophe warnen, die sich auch f\u00fcr einen Austritt der S\u00fcdl\u00e4nder aus dem Euro stark machen mit dem Hinweis, dass es dann f\u00fcr diese &#8211; per Abwertung und dadurch St\u00e4rkung des Exportes &#8211; so viel leichter w\u00e4re. Das setzt aber voraus, dass der Zahlungsverkehr mit der Eurozone reibungslos funktioniert. Das auch j\u00fcngst in der FAZ vom Sinn angef\u00fchrte Erpressungspotenzial der T2-Salden (Motto: &#8222;Schuldenschnitt bzw. Transferunion oder wir lassen Eure T2-Forderung platzen!&#8220;) relativiert sich somit, da zur Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs eine einvernehmliche\u00a0 L\u00f6sung gefunden werden muss:<\/p>\n<p><em>Wie k\u00f6nnte es nach einem Austritt z.B. Italiens aus der EWU weitergehen?<\/em> [<strong>Update\/Korrektur<\/strong>]<\/p>\n<p>Wir gehen davon aus, dass es zu diesem Zeitpunkt kein \u201cClearing\u201d geben wird, d.h. die Banca d\u2019Italia den T2-Saldo nicht durch Transfer entsprechender Wertpapiere an die Bundesbank (via EZB) ausgleichen wird. Die folgenden \u00dcberlegungen stellen eine M\u00f6glichkeit dar, die eine entsprechende \u00c4nderung des rechtlichen Rahmens notwendig macht. Im Fall des Euroaustritts ist aber ohnehin eine rechtliche Regelung notwendig. Ich gehe davon aus, dass der T2-Saldo zun\u00e4chst einfach auf der Passivseite der Banca d&#8217;Italia stehenbleibt, w\u00e4hrend alle Reserven sowie das Bargeld in Lira umgewandelt werden. Die Banca d&#8217;Italia (und die italienische Wirtschaft und selbst populistische Regierungen) wird ein vitales Interesse daran haben, den Zahlungsverkehr zwischen Italien und dem Euroraum weiterhin zu gew\u00e4hrleisten. Dies kann durch einen vor\u00fcbergehenden Verbleib im TARGET-System geschehen, solange noch Salden offenstehen.<\/p>\n<p>Wenn es dann zu einer \u00dcberweisung von Deutschland nach Italien kommt, verringern sich die Euroreserven auf der Bank- sowie der Bundesbank-Bilanz \u2013 und der dort befindliche T2-Saldo ebenfalls. Wie der Empfang von Euroreserven sich dort auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Gesch\u00e4ftsbank und Banca d\u2019Italia auswirkt, sei dahingestellt. Die Banca d&#8217;Italia k\u00f6nnte z.B. die Euroreserven der italienischen Gesch\u00e4ftsbank in Lirareserven umtauschen, wobei dann bei ihr ein Passivtausch der T2-Verbindlichkeiten gegen Lira-Reserven stattfindet. Auch ihr T2-Saldo verringert sich.<\/p>\n<p>Die umgekehrte \u00dcberweisung von Italien nach Deutschland w\u00fcrde man <i>asymmetrisch<\/i> behandeln: es werden von der italienischen Bank nur Euroreserven f\u00fcr den Transfer akzeptiert, die diese (bzw. die Banca d&#8217;Italia) zuvor bei der einer deutschen Gesch\u00e4ftsbank (bzw. der Bundesbank) mittels Tausch gegen Wertpapiere erworben hat. Auf diese Weise wird sich &#8211; anders als im bisherigen TARGET-System &#8211; der T2-Saldo zumindest nicht erh\u00f6hen. Man k\u00f6nnte diesen Vorgang auch daran koppeln, dass die Banca d&#8217;Italia einen Aufschlag von sagen wir 5% zahlt, also f\u00fcr einen 100 Mio-Transfer Wertpapiere f\u00fcr 105 Mio \u00fcbertr\u00e4gt, die den bestehenden T2-Saldo um 5 Mio verringert. Auf diese Weise w\u00fcrde sich bei <i>jedweder<\/i> grenz\u00fcberschreitenden Zahlung der T2-Saldo ein St\u00fcckchen verringern. Ist dieser irgendwann Null, so kann man auf das symmetrische System \u00fcbergehen, wie es auch sonst \u00fcblich ist, und Italien tritt aus dem TARGET-System aus. Selbst wenn sich der letztgenannte Aufschlag bei \u00dcberweisungen von Italien nach Deutschland politisch nicht durchsetzen lie\u00dfe, so w\u00fcrden zumindest die Zahlungsvorg\u00e4nge in die andere Richtung den T2-Saldo abschmelzen.<\/p>\n<p>Das von einigen \u00d6konomen beschworene &#8222;Erpressungspotenzial&#8220;, weil Italien mit der Drohung der &#8222;Nichtr\u00fcckzahlung der T2-Schulden&#8220; beinahe jede Forderung durchsetzen k\u00f6nne, kann man auch genau umkehren: Solange noch ein T2-Saldo besteht, muss sich die Banca d&#8217;Italia auf die skizzierte technische Regelung einlassen, wenn Italien nicht vom Euroraum abgeschnitten werden will. Das d\u00fcrfte wohl im beiderseitigen Interesse liegen.\u00a0 Der Saldo wird dann so zur\u00fcckgef\u00fchrt, wie er entstanden ist: allein durch grenz\u00fcberschreitende Zahlungsvorg\u00e4nge. So ganz ohne Katastrophe. Man kann nur hoffen, dass im Fall eines Austritts pragmatische Zentralbanker auf beiden Seiten die Sache in die Hand nehmen und nicht so manche deutsche Leitartikler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Target2-Salden entstehen durch grenz\u00fcberschreitende Buchungsvorg\u00e4nge, und auch nur deshalb, weil trotz der W\u00e4hrungsunion weiterhin nationale Zentralbanken existieren statt nur die EZB. 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