{"id":380,"date":"2018-06-22T22:35:28","date_gmt":"2018-06-22T20:35:28","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=380"},"modified":"2020-02-21T13:34:43","modified_gmt":"2020-02-21T12:34:43","slug":"hayek-und-der-freie-markt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=380","title":{"rendered":"Hayek und der freie Markt"},"content":{"rendered":"<p>F.A. von Hayek gilt als der im besonders hohem Ma\u00df dem Liberalismus verpflichteten Vertreter der sog. \u00d6sterreichischen Schule, manche w\u00fcrden ihn wohl als ultraliberal bezeichnen. In seinem umfangreichen Werk begr\u00fcndet er die entscheidende Rolle des Marktes in einer liberalen Gesellschaft vor allem mit dem Wissensproblem: niemand k\u00f6nne aus prinzipiellen Gr\u00fcnden besser \u00fcber die eigenen Bed\u00fcrfnisse und die lokalen Knappheitsbedingungen sowie M\u00f6glichkeiten der kreativen Ver\u00e4nderung besser Bescheid wissen als die Millionen Individuen selbst. Stattet man sie mit entsprechenden Freiheitsrechten aus und setzt diese auch durch, so sorgen Millionen dezentraler Interaktionen freier Individuen f\u00fcr eine spontane selbstorganisierte Ordnung, welche am ehesten die beste Allokation knapper Ressourcen, oder allgemeiner: die Lebensumst\u00e4nde hervorbringt, unter denen die Individuen zu leben w\u00fcnschen. Dabei wird diese Selbstorganisation als fortw\u00e4hrender Prozess gesehen, der nicht in einem finalen Gleichgewichtszustand endet wie z.B. in der Neoklassik (h\u00e4ufiges Missverst\u00e4ndnis: \u201eneoliberal\u201c = \u201eneoklassisch\u201c = \u201eMainstream VWL\u201c). Ob der Markt wirklich das \u201ebeste\u201c Ergebnis hervorbringt, l\u00e4sst logischerweise nicht sagen, denn daf\u00fcr br\u00e4uchte man einen Vergleichsma\u00dfstab und somit das Wissen, das man als einzelner Beobachter oder Institution eben nicht hat. Man kann es aber glauben. Ups\u2026. Der Staat hat vornehmlich die Aufgabe, die Regeln zu definieren und f\u00fcr deren Einhaltung zu sorgen, die die freie Entfaltung des Individuums gew\u00e4hrleisten. Neben z.B. Vertrags- und Eigentumsrechten zielen die Regeln auch darauf ab, die Entstehung von Macht zu verhindern, denn dauerhafte Marktmacht schr\u00e4nkt letztlich die Freiheit der anderen Marktteilnehmer ein. Letztlich f\u00fchrt jeglicher Staatseingriff dar\u00fcber hinaus, also z.B. Umverteilung von Einkommen oder sonstige regulatorische Eingriffe, auf eine schiefe Ebene, die \u2013 so Hayek &#8211; geradewegs in den Sozialismus f\u00fchrt. Mit den systematischen Funktionsdefiziten planwirtschaftlicher sozialistischer Systeme hat sich Hayek ausgiebig besch\u00e4ftigt, und der Zusammenbruch der Sowjetunion und der DDR, den er noch miterlebt hat, d\u00fcrften wohl eine Genugtuung f\u00fcr ihn gewesen sein. Auch bez\u00fcglich m\u00f6glicher Krisen setzt Hayek ganz auf die Selbstreinigungskr\u00e4fte des Marktes. Staatsinterventionen f\u00fchren in die Irre. Begr\u00fcndet wird dies dadurch, dass die durch freiheitliche Interaktionen auf M\u00e4rkten entstandene soziale Ordnung <i>komplex<\/i> ist, und Interventionen in komplexe Systeme durch prinzipiell mit Informationen unterversorgten staatlichen Stellen gef\u00e4hrden die Ordnung. Radikal zu Ende gedacht impliziert diese staatliche Zur\u00fcckhaltung auch den R\u00fcckzug des Staates aus Bereichen wie Bildung, Kultur, Infrastruktur, Gesundheitswesen, Landesverteidigung oder sogar aus dem Geldwesen. Hayek schlug ein \u201eFree Banking\u201c vor, da er dem staatlichen Notenbankmonopol misstraute, und der Markt viel besser in der Lage sei herauszufinden, welcher Art von privat emittierter W\u00e4hrung am ehesten zu trauen sei.<\/p>\n<p>Ich lasse es mal bei dieser arg verk\u00fcrzten Charakterisierung des Liberalismus \u00e1 la Hayek bewenden. Auch wenn die meisten liberalen \u00d6konomen eher dem Ordoliberalismus zuneigen, der dem Staat \u2013 im Vergleich zu Hayek \u2013 zu sehr viel weitgehenderen Ma\u00dfnahmen legitimiert sieht wie z.B. Umverteilungsma\u00dfnahmen oder sozialen Sicherungssystemen, so leben Hayeks Ideen nach wie vor z.B. in Gestalt der Hayek-Gesellschaft und anderen Kreisen fort.<\/p>\n<p>Hayek, 1992 im sehr hohen Alter von 93 Jahren verstorben und 1974 mit dem Wirtschafts-Nobelpreis (jaja, schon klar, es ist der Nobel-Ged\u00e4chtnispreis) ausgezeichnet, mag vielleicht die Entwicklungen in der VWL seit den 1970er Jahren nicht mehr allzu intensiv rezipiert haben. Seine aktuellen Verehrer hingegen schon. Ich m\u00f6chte hier auf drei Dinge hinweisen, die m.E. keine Marginalien sind, sondern den Kern des Hayekschen Vertrauens in den Markt logisch-konzeptionell infrage stellen.<\/p>\n<p>1. Ein Kernargument Hayeks ist, dass das Wissen dezentral verstreut ist, und keine Institutionen sich \u201eanma\u00dfen\u201c k\u00f6nne (so seine Formulierung) besser Bescheid zu wissen als die Individuen selbst. Das ist richtig, und dem widerspreche ich auch nicht. Nur: die Tatsache, dass bei der Interaktion freier Individuen diese eben auch nicht alles wissen, die Informationen also <i>asymmetrisch<\/i> verteilt sind, d.h. private Informationsunterschiede vorliegen, f\u00fchrt unter recht allgemeinen Bedingungen zu ineffizienter marktlicher Interaktionen. D.h. der Markt f\u00fchrt eben nicht automatisch zu einer beiderseitig w\u00fcnschenswerten Zustand. Diese in den 1970er und 1980er Jahren entwickelten \u00dcberlegungen zur Theorie asymmetrischer Informationen (etwa Akerlofs \u201eMarket for Lemons\u201c) sind inzwischen nobelpreisgekr\u00f6nt und absoluter Mainstream, auch in einf\u00fchrenden Lehrb\u00fcchern der VWL. Dieses Ph\u00e4nomen ist nicht randst\u00e4ndig, es ist ubiquit\u00e4r. Es findet sich in allen Lebens- bzw. Wirtschaftsbereichen. Die Umst\u00e4nde des Auftretens und die Konsequenzen sind analysierbar, und man muss nicht der allwissende Gott sein um halbwegs sinnvolle regulatorische Eingriffe gestalten zu k\u00f6nnen, um dem Markt auf die Spr\u00fcnge zu helfen.<\/p>\n<p>Wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, f\u00fchrt dies zu einem Paradox: Je mehr sich die Menschen f\u00fcr die Konsequenzen ihrer Entscheidungen interessieren \u2013 und ein Liberaler d\u00fcrfte wohl ein gro\u00dfes Interesse daran haben, dass man f\u00fcr frei getroffene Entscheidungen auch bereit ist, die Konsequenzen zu verantworten! &#8211; desto weniger informiert sind die Individuen, je mehr Interaktionen \u00fcber M\u00e4rkte stattfinden. Denn: Das Preissystem mag \u00fcber Ressourcenknappheiten informieren, aber z.B. \u00fcber die sozialen oder \u00f6kologischen Bedingungen der global verstreuten Produktionsketten informiert es nicht oder unzureichend. Man kann lediglich erahnen, dass das T-Shirt f\u00fcr 3 Euro wohl eher nicht bei einem deutschen Schneiderbetrieb, sondern unter uns\u00e4glichen Bedingungen in Kambodscha hergestellt wurde. Falls der Konsument aber Verantwortung f\u00fcr die sozialen und \u00f6kologischen Bedingungen der Herstellung des Produktes, welches er zu kaufen gedenkt, \u00fcbernehmen m\u00f6chte, so hat er \u2013 wegen asymmetrischer Informationsverteilung \u2013 nicht ohne weiteres die M\u00f6glichkeit, dies in seiner Zahlungsbereitschaft am Markt auszudr\u00fccken. Das Preissystem ist somit chronisch unvollst\u00e4ndig und f\u00fchrt zu Fehlkallokationen. Die selbstorganisiert erzeugte Lebenswirklichkeit ist am Ende dann nicht so, wie man sie sich vorgestellt hat, gleichwohl hat man als freier Mensch kaum Einfluss darauf, wenn man sich auf den Markt verl\u00e4sst. Das Paradox besteht darin, dass dieser Effekt gerade dann <i>nicht<\/i> eintritt, wenn einem die Handlungskonsequenzen v\u00f6llig egal sind, Freiheit und Verantwortung also entkoppelt sind. Das kann kein Liberaler wirklich wollen, es widerspricht der Idee der Freiheit.<\/p>\n<p>2. Im Anschluss an das vorige Argument hat die Verhaltens\u00f6konomik gezeigt, dass Menschen durchaus soziale Pr\u00e4ferenzen haben: sie schauen nicht nur auf die Handlungskonsequenzen f\u00fcr sich selbst, sondern auch f\u00fcr andere. Nicht allein die Konsummenge oder der Gewinn sind entscheidend, sondern wie sich das im Vergleich zu den Nachbarn darstellt. Mitgef\u00fchl, Neid, Fairness: all diese Dinge spielen eine Rolle, wenn es um die subjektive Bewertung von Handlungsfolgen (\u00d6konomen sagen: Nutzen oder Pr\u00e4ferenz) geht. Das ist experimentell bzw. empirisch erwiesen und d\u00fcrfte wohl auch der Alltagsintuition entsprechen. Und nicht nur die Konsequenzen f\u00fcr sich selbst im Vergleich zu anderen spielt bei der Bewertung eine Rolle, sondern auch, unter welchen Umst\u00e4nden dieses Ergebnis zustande gekommen ist, z.B. ob man gute oder schlechte Intentionen der anderen Menschen vermutet. Auch die Frage, unter welchen Spielregeln sich diese Konsequenzen eingestellt haben (z.B. ob ich reziproke Antwortm\u00f6glichkeit hatte in Bezug auf das Verhalten der anderen) beeinflusst die Bewertung des Ergebnisses. Kurz gesagt: Menschen haben soziale Pr\u00e4ferenzen, die sich u.a. in Fairness-Pr\u00e4ferenzen, beispielsweise in Aversion gegen\u00fcber Ungleichheit ausdr\u00fccken. Das ist jedoch ein eklatanter Widerspruch zu der Behauptung Hayeks, dass es allein auf die freiheitssichernden Spielregeln ankomme, und jegliche \u201eUmverteilung\u201c der Marktergebnisse quasi \u201evom Teufel\u201c seien, m.a.W. der \u201eWeg in den Sozialismus\u201c. Denn nur die Regeln selbst k\u00f6nnten \u201egerecht\u201c sein, aber auf die Beurteilung des Ergebnisses der selbstorganisierten Ordnung k\u00f6nne man Gerechtigkeitskriterien nicht anwenden. So lehnt er schon den Begriff der \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c (im Hinblick auf Verteilung) kategorisch ab. Wenn Menschen aber soziale Pr\u00e4ferenzen haben, und daf\u00fcr spricht alles, was wir von der Verhaltens\u00f6konomik wissen, dann lassen sich allokative Effizienz und Fragen gerechter Verteilung schon rein konzeptionell nicht trennen: das Pareto-Kriterium f\u00fcr Effizienz, ein ultra-individualistisches und somit auch ultra-liberales Kriterium, welches die subjektive Bewertung eines Zustandes eines jeden einzelnen Individuums zum Ma\u00dfstab macht, schlie\u00dft die Bewertung von Ungleichverteilung oder auch sonstigen Fairnessbedingungen logisch zwingend <i>mit ein<\/i>. Fragen von Effizienz und Gerechtigkeit sind konzeptionell nicht trennbar.<\/p>\n<p>3. Oben wurde das Ph\u00e4nomen der \u201eVerantwortungsdiffusion\u201c durch Vorliegen von Informationsasymmetrie begr\u00fcndet. Es gibt aber noch ein zweites, anders gelagertes Argument aus der j\u00fcngeren verhaltens\u00f6konomischen Forschung, welches zu einem \u00e4hnlichen Ergebnis f\u00fchrt. Wie im vorigen Punkt ausgef\u00fchrt, haben die meisten Menschen soziale Pr\u00e4ferenzen, so dass das Ziel einer freiheitlichen Ordnung, sagen wir: die Herstellung von Lebensumst\u00e4nden wie sie von den Individuen gew\u00fcnscht werden, keine logische Trennung von Allokations- und Gerechtigkeitszielen erlaubt. Soziale Pr\u00e4ferenzen k\u00f6nnen auch ethische \u00dcberzeugungen und Normen mit einschlie\u00dfen, Das ist ein wichtiger Punkt, auf den schon Adam Smith hingewiesen hat (\u201eTheory of Moral Sentiments\u201c). Nun zeigt sich aber, dass die Bereitschaft, sich an seine eigenen moralischen \u00dcberzeugungen zu halten, gerade dann stark erodieren, wenn es zu marktlichen Transaktionen kommt. Haben Menschen f\u00fcr (gem\u00e4\u00df ihrer eigenen individuellen \u00dcberzeugung) moralisch richtige Wahlentscheidungen eine klare Pr\u00e4ferenz und somit Zahlungsbereitschaft, so schwindet diese zusehends, wenn sie unter wettbewerblichen bzw. marktlichen Bedingungen miteinander interagieren. Der Markt als sozialer Mechanismus ist somit nicht neutral. Die dadurch wahrgenommene und letztlich auch faktische Verantwortungsdiffusion verleitet dazu, sich eben nicht entsprechend seiner eigenen Pr\u00e4ferenzen zu verhalten \u2013 selbst dann, wenn keinerlei Informationsasymmetrie vorliegt.<\/p>\n<p>Allein nur diese drei \u00dcberlegungen aus der Informations\u00f6konomik und der Verhaltens\u00f6konomik, die mittlerweile Mainstream-Wissen sind, lassen den Glauben an die prinzipielle \u00dcberlegenheit rein marktlich, vom Staat m\u00f6glichst unbeeinflusster Interaktion als geradezu groteske Fehlinterpretation des Marktes erscheinen. Es mag ja richtig sein, dass es keinen besseren Prozess gibt, schon gar nicht die Planwirtschaft, aber immerhin wei\u00df man genug um Bedingungen und Muster von Funktionsproblemen zu erkennen, die durch regulatorische Eingriffe zumindest gelindert werden k\u00f6nnen. Wer sich mit jeglicher formal-theoretischer Modellierung sowie empirischer \u00dcberpr\u00fcfung der eigenen Thesen, etwa der philosophischen Begr\u00fcndung der \u00dcberlegenheit des selbstorganisierenden Marktes, so schwer tut wie die \u00d6sterreichische Schule, der lebt gef\u00e4hrlich nahe an der Immunisierung der eigenen \u00dcberzeugungen gegen\u00fcber jeder empirischen Kritik, und muss folglich damit leben unter Ideologieverdacht zu stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F.A. von Hayek gilt als der im besonders hohem Ma\u00df dem Liberalismus verpflichteten Vertreter der sog. \u00d6sterreichischen Schule, manche w\u00fcrden ihn wohl als ultraliberal bezeichnen. 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