{"id":367,"date":"2018-06-08T11:58:55","date_gmt":"2018-06-08T09:58:55","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=367"},"modified":"2018-07-19T14:39:39","modified_gmt":"2018-07-19T12:39:39","slug":"vollgeld-eine-gute-idee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=367","title":{"rendered":"\u201cVollgeld\u201d &#8211; eine gute Idee?"},"content":{"rendered":"<p>Am kommenden Sonntag stimmen die Schweizer \u00fcber die sog. Vollgeld-Initiative ab. Worum es dabei geht, setze ich im Folgenden als bekannt voraus. Ich bin kein Experte f\u00fcr die Vollgeld-Debatte, es ist also wahrscheinlich, dass manche der folgenden Punkte bereits in der Literatur diskutiert wurden.\u00a0 Es geht hier auch nicht um eine ausf\u00fchrliche kritische W\u00fcrdigung des Konzepts, sondern nur um ein paar Schlaglichter aus Sicht der monet\u00e4ren \u201cMainstream\u201d-Theorie. Dabei m\u00f6chte ich vorausschicken, dass ich nicht prinzipiell gegen diese Reform-Idee bin, selbst wenn ich hier Bedenken vortrage, die mich sehr skeptisch machen.<\/p>\n<p><em>1. Die Rolle der Gesch\u00e4ftsbanken in der Finanzintermediation<\/em><\/p>\n<p>Warum gibt es Banken? Banken betreiben von einem theoretischen Standpunkt aus Asset-Transformation: die Fristen, die Liquidit\u00e4t, die Risiken, die Volumina der Einzelpositionen auf der Aktiv- und der Passivseite sind sehr verschieden und gleichen die sehr unterschiedlichen Interessen z.B. von Sparern und Investoren aus. Die Halter von Depositen profitieren von der geschickten Risikostreuung des Portfolios und dem Liquidit\u00e4tsmanagement, das ihnen in der Regel sichere, schnell verf\u00fcgbare Einlagen beschert. Banken haben Expertise in Risikobewertung und -kontrolle, oder technisch gesagt: screening und monitoring zur Reduktion von \u00f6konomischen Problemen, die durch asymmetrische Informationsverteilung zustande kommen, d.h. sie reduzieren sog. Agency-Kosten und leisten so einen erheblichen Beitrag zu einer effizienten Allokation von Kapital. All dies f\u00fchrt aber auch zu gewissen Profiten. Ich spreche hier nicht von denjenigen Profiten, die durch dubiose Spekulationen zustande kommen, sondern durch normale Bankgesch\u00e4fte, also das, was Vollgeld-Vertreter Geldsch\u00f6pfungsgewinne nennen, die sie gerne sozialisieren w\u00fcrden. Es stellen sich drei Fragen:<\/p>\n<p>(a) Das monet\u00e4re Resultat all dieser Aktivit\u00e4ten ist die Menge der vergebenen Kredite bzw. des dadurch geschaffenen Geldes. Wieso sollte die Zentralbank besser wissen, welche Geldmenge denn die f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Haushalte und Firmen usw. angemessene ist? Das verweist auf das zentrale Wissensproblem in einer dezentralen Marktwirtschaft. Entweder akkomodiert die Zentralbank jegliche Kreditvergabew\u00fcnsche der Gesch\u00e4ftsbanken, oder sie diskriminiert\u00a0 zwischen &#8222;sozial w\u00fcnschenswerten&#8220; und &#8222;nicht w\u00fcnschenswerten&#8220; Aktivit\u00e4ten, die per Kredit finanziert werden sollen. Es sagt sich leicht dahin, dass die Zentralbank dann &#8222;wilde Spekulation auf Kredit&#8220; verhindern k\u00f6nnte (was ein gutes Risikomanagement einer Gesch\u00e4ftsbank wohl auch tun w\u00fcrde), aber es w\u00e4re ein deutlicher Schritt in Richtung zentrale Lenkung der Kreditvergabe. M\u00f6chte man das?<\/p>\n<p>(b) In dieselbe Richtung gehend kann man auch fragen, weshalb das Publikum einer Zentralbank mehr trauen sollte als den unter Wettbewerb stehenden Banken? (Gut, diese Frage wird bei Kritikern des \u201cFinanzkapitalismus\u201d nur Gel\u00e4chter ausl\u00f6sen, aber auch Sicht der politischen \u00d6konomik (bzw. Public Choice) ist sie berechtigt!)<\/p>\n<p>(c) Warum sollten die Geldsch\u00f6pfungsgewinne per se der Gemeinschaft geh\u00f6ren und nicht ein Teil davon privat angeeignet werden k\u00f6nnen, da ja ohne Finanzintermediation, sprich die oben beschriebenen \u00f6konomischen Funktionen einer Bank, moderne Wirtschaften nicht funktionieren w\u00fcrden? Warum sollte man nicht daf\u00fcr einen Preis zahlen, der &#8211; je nach Wettbewerb &#8211; zu mehr oder weniger hohen Gewinnen f\u00fchren kann?<\/p>\n<p><em>2. Wozu will die Zentralbank \u201cvolle Kontrolle\u201d \u00fcber die Geldmenge haben? Und h\u00e4tte sie die?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Im vorherigen Punkt wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Bankensektor m\u00f6glicherweise besser informiert ist \u00fcber die Kredit- und Geldnachfragew\u00fcnsche des Publikums, weshalb eine Endogenisierung der Geldmenge durchaus sinnvoll sein kann. Aber nehmen wir mal an, es sei aus irgendwelchen Gr\u00fcnden gut, dass allein die Zentralbank das Geldmengenaggregat bestimmt. Die meisten Zentralbanken der gr\u00f6\u00dferen OECD-L\u00e4nder betreiben <em>Inflation Targeting<\/em> und benutzen den <em>Zinssatz als Steuerungsgr\u00f6\u00dfe<\/em>. Das spiegelt sich auch in den allermeisten monet\u00e4ren makro\u00f6konomischen Modellen unterschiedlicher Coleur wider (z.B. die Taylor-Regel). Nun kann eine Zentralbank aber nicht gleichzeitig Geldmenge <em>und<\/em> den Zinssatz steuern: Hat sie ein prim\u00e4res Interesse, den Zinssatz auf dem Niveau z.B. des Taylor-Zinssatzes zu halten, so muss sie die Geldmenge entsprechend der Geld- bzw. Kreditnachfrage akkomodieren, ob sie will oder nicht. Die Geldmenge w\u00e4re also wiederum endogen wie zuvor. Oder sie will die \u201cvolle Kontrolle \u00fcber die Geldmenge\u201d behalten, dann aber werden sich die Zinss\u00e4tze in m\u00f6glicherweise unvorhersehbarer Weise entsprechend der Kredit- und Geldhaltungsw\u00fcnsche vom Ziel-Niveau entfernen, d.h. die Zentralbank verliert die Kontrolle \u00fcber den Zinssatz und damit m\u00f6glicherweise \u00fcber die Inflation bzw. Inflationserwartungen. Es ist illusorisch, dass man sich mit einem Vollgeld-System solchen fundamentalen Trade-offs entziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>3. Wie schafft eine Zentralbank denn Vollgeld?<\/em><\/p>\n<p>Ein durchaus berechtigter und m.E. zu wenig beachteter Kritikpunkt der Vollgeld-Vertreter am bestehenden System ist, dass in einer wachsenden Volkswirtschaft, in welcher die zirkulierende Geldmenge mitw\u00e4chst, auch die Schulden entsprechend wachsen, denn der gr\u00f6\u00dfte Teil des geschaffenen Geldes entsteht ja durch Kreditvergabe. Da die Geldmenge schneller w\u00e4chst als das BIP, k\u00f6nnte darin eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die s\u00e4kulare Tendenz zu immer h\u00f6heren gesamtwirtschaftlichen Schuldenquoten liegen. Aber \u00e4ndert sich das denn, wenn Geld nunmehr allein durch die Zentralbank geschaffen wird, sagen wir im selben Umfang wie bisher? Zentralbankgeld wird in Umlauf gebracht, indem die Zentralbank entweder einen Verm\u00f6gensgegenstand kauft, oder einer Gesch\u00e4ftsbank einen Kredit gibt. Letzteres w\u00e4re ja wiederum eine Kredit-Zentralbankgeldsch\u00f6pfung. Aber auch beim Kauf von Assets sollte man sehen, dass mit ganz erheblicher Dominanz (Staats-) Schuldverschreibungen gekauft werden, also auch wiederum Schuldkontrakte. An dem Gleichlauf von Geld- und Schuldensch\u00f6pfung w\u00fcrde sich wenig \u00e4ndern. Die Schaffung von <em>Geld, dem keine Schulden gegen\u00fcberstehen<\/em>, w\u00fcrde bedeuten, dass die Zentralbank z.B. Gold, Grundst\u00fccke, Aktien oder dergleichen kauft. Selbst ganz gew\u00f6hnliche Geldpolitik w\u00fcrde dann aber in erheblichem Ma\u00dfe zu einer Verm\u00f6genspreisinflation (und so zu Verm\u00f6gensumverteilung zugunsten der Reichen) f\u00fchren. Will man das?<\/p>\n<p><em>4. Ausweichreaktionen<\/em><\/p>\n<p>Im Vollgeldsystem, wo Banken nicht ohne weiteres \u201caus sich selbst heraus\u201d Kredite vergeben k\u00f6nnen, wird es h\u00f6chstwahrscheinlich Ausweichreaktionen geben. Schon jetzt gibt es neben dem Bankensektor <em>Finance Companies<\/em>, bei denen Haushalte bzw. meist Firmen einen Kredit aufnehmen k\u00f6nnen, wo bei der Kreditvergabe jedoch kein neues Geld entsteht. Diese dem sog. \u201cSchattenbankensektor\u201d zugerechneten Institutionen m\u00fcssen sich das Geld, welches sie verleihen, zun\u00e4chst beschaffen, meist durch die Emission von Wertpapieren (\u201cCommercial Papers\u201d), welche z.B. gerne von Fonds gekauft werden. Die Bedeutung solcher Institutionen wie auch des Schattenbankensektors insgesamt hat in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen. Die Mechanismen innerhalb dieses Sektors und seine Verflechtung mit dem Bankensektor hat erheblich zur Globalen Finanzkrise 2008 beigetragen. Ein Vollgeldsystem d\u00fcrfte zu einem starken Zulauf zu Finance Companies f\u00fchren, den Schattenbankensektor also st\u00e4rken. Diese Unternehmen haben jedoch keine Transaktionsbeziehungen zur Zentralbank, letztere kann also auch nicht im Notfall als \u201clender of last resort\u201d einspringen. Da die emittierten Commercial Papers in der Regel eine sehr viel k\u00fcrzere Laufzeit haben als die Kredite, kann dieser Fristen-Mismatch auch mal zu Liquidit\u00e4tsproblemen f\u00fchren, bei denen die Zentralbank nicht helfen kann. Ob also, wie gehofft, das gesamte \u201cFinanzsystem\u201d, wie Vollgeld-Vetreter glauben, tats\u00e4chlich \u201cstabiler\u201d wird, darf durchaus bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Ich erkenne durchaus an, dass\u00a0 die Kernidee des Vollgeldes der historischen Logik von Notenbankreformen folgt, n\u00e4mlich ein staatliches Monopol f\u00fcr die Ausgabe von Banknoten zu schaffen, und diesen Ansatz auch auf das dominierende elektronische Geld ausdehnen m\u00f6chte. Es w\u00fcrde ein Zustand hergestellt, von dem die allermeisten Menschen irrt\u00fcmlich glauben, dass er bereits status quo ist. Aber abgesehen von der Vermeidung von Bank-Runs, f\u00fcr die es im Vollgeld-System keinen Anreiz mehr g\u00e4be, sehe ich nicht allzu gro\u00dfe Vorteile, jedoch einige\u00a0 ungekl\u00e4rte Risiken eines solchen Experiments, von denen nur wenige hier angesprochen wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am kommenden Sonntag stimmen die Schweizer \u00fcber die sog. 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