{"id":327,"date":"2018-03-09T21:08:53","date_gmt":"2018-03-09T20:08:53","guid":{"rendered":"http:\/\/jenecon.alkaid.uberspace.de\/wordpress\/?p=327"},"modified":"2018-07-19T14:48:42","modified_gmt":"2018-07-19T12:48:42","slug":"werbung-auf-spiegel-online-leser-zieh-blank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=327","title":{"rendered":"Werbung auf SPIEGEL online: Leser, zieh blank!"},"content":{"rendered":"<p>Keine Frage: Journalismus kostet und muss sich finanzieren. Das geschieht im Online-Bereich gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcber Werbung. Kein Wunder, dass Adblocker im Browser den Verlagen ein Dorn im Auge sind, und sie Technologien entwickeln, solche Adblocker zu entdecken und Content gegebenenfalls zu sperren. Wie beim Hase-Igel-Wettlauf werden die Browser-Plugins immer raffinierter im Filtern unerw\u00fcnschten Contents, die Betreiber der Webseiten r\u00fcsten aber ebenfalls technisch auf. Weil der Wettlauf technisch schwierig zu gewinnen ist, ist der Axel-Springer-Verlag vor einiger Zeit auf die Idee gekommen, juristisch gegen das Blocken vorzugehen. In der allgegenw\u00e4rtigen Abmahnindustrie fanden sich nat\u00fcrlich sofort gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Advokaten, deren abenteuerliche Argumentation bei IT-Experten und auch \u00d6konomen teils ungl\u00e4ubiges Gel\u00e4chter, teils G\u00e4nsehaut hervorrufen. Jedenfalls ist die Melange aus Tumbheit und Perfidie faszinierend.<\/p>\n<p>Dabei geht es l\u00e4ngst nicht nur um ein paar Werbeanzeigen, die man als Leser vielleicht noch zu ertragen bereit w\u00e4re. Werbung wird nicht nur massiver und nervt\u00f6tender (bewegte Bilder, Flackern, Popup-Fenster), sondern sie beruht zunehmend auf umfassenden Tracking-Technologien, die die Privatsph\u00e4re untergraben um m\u00f6glichst personalisierte Werbung schalten zu k\u00f6nnen. Das setzt entsprechende Schnittstellen zu Analyseplattformen voraus, die stets im Hintergrund laufen, wenn man z.B. bei SPIEGEL online, aber im Prinzip auch auf allen anderen Medienportalen die Tagesnachrichten liest.<\/p>\n<p>Nachdem lange Zeit das Plugin <em>uMatrix<\/em> von SPIEGEL online entweder nicht erkannt oder aber toleriert wurde, so erscheint nunmehr ein alles verdeckendes Popup-Fenster, welches nicht nur einfach fordert den Adblocker auszuschalten, sondern dar\u00fcber hinaus informiert: \u201c<em>Sie haben gar keinen Adblocker oder bereits eine Ausnahme hinzugef\u00fcgt? Bitte pr\u00fcfen Sie, ob Sie \u00e4hnliche Erweiterungen, <strong>Do-not-Track-Funktionen oder den Inkognito-Modus aktiviert<\/strong> haben, die ebenfalls Werbung unterdr\u00fccken. Nutzen Sie einen <strong>Script-Blocker<\/strong> wie uBlock Origin oder Ghostery? Dieser k\u00f6nnte f\u00e4lschlicherweise als Adblocker erkannt werden, wenn er entsprechend eingerichtet ist. Bitte pr\u00fcfen Sie in den Einstellungen des Script-Blockers, ob auch Werbung unterdr\u00fcckt wird, und erstellen Sie dort eine Ausnahmeregel f\u00fcr SPIEGEL ONLINE<\/em>.\u201c (Fettdruck von mir)<\/p>\n<p>Im Klartext: Sie m\u00fcssen sich tracken lassen! Sie d\u00fcrfen nicht inkognito lesen! Sie m\u00fcssen im Prinzip alle Skripte zulassen, mit denen wir Informationen, die wir \u00fcber Ihr Verhalten tracken, mit zahlreichen Datenanalyse-Firmen austauschen. Ziehen Sie blank und pfeifen Sie auf Privatsph\u00e4re! Wir k\u00f6nnen mit Werbung nur dann etwas verdienen, wenn wir genau das machen, was die Werbeindustrie technisch kann und deshalb von uns verlangt: Sie bis aufs Knochenmark zu durchleuchten und die Informationen f\u00fcr immer effektivere Werbung nutzbar machen.<\/p>\n<p>Eine gezielte Konfiguration der Plugins dergestalt, dass nur bestimmte Skripte oder Cookies zugelassen werden, welche die Funktionalit\u00e4t der Webseite gew\u00e4hrleisten, andere aber nicht, ist praktisch aussichtslos. Die entsprechende Aufforderung von SPIEGEL, die \u201cEinstellungen des Blockers zu pr\u00fcfen\u201d, kann jemand, der nicht Informatik studiert hat, nur als v\u00f6llig naiv (oder perfide) bel\u00e4cheln: Es sind Dutzende Cookies und Skripte und APIs, die aktiv sind und die sich zudem permanent \u00e4ndern, so dass man faktisch alles zulassen muss. Siehe dazu die kleine uMatrix-Tabelle am Ende des Textes, welche nur eine kleine Momentaufnahme darstellt, die sich beim weiteren Surfen st\u00e4ndig \u00e4ndert. Wer keine unfreiwillige Interaktion mit Datenfirmen wie Doubleclick, Emetriq, Meetrics, Emsmobile, Parse.ly, Optimizely, GoogleAnalytics usw. m\u00f6chte (siehe unten), muss sich offenbar den kompletten SPIEGEL physisch am Kiosk kaufen, selbst wenn einen nur ein oder zwei Artikel interessieren.<\/p>\n<p>Neben dem furchtbaren Werbem\u00fcll, der f\u00fcr mich eine Gei\u00dfel der Menschheit ist, und neben dem beklemmenden Gef\u00fchl nicht zu wissen, wenn man SPIEGEL online (oder andere Seiten) liest, wer jetzt gerade im Moment welche Informationen \u00fcber mein Lese- bzw. Klickverhalten bekommt, um raffiniertere Manipulationsm\u00f6glichkeiten auszusch\u00f6pfen, gibt es ein weiteres \u00c4rgernis: Wenn sich auf SPIEGEL online kritische Journalisten ach so kritisch mit den Gefahren von Google, Facebook und Amazon auseinandersetzen, die Gefahren der Durchleuchtung der Kunden und Nutzer, der Monopolisierung der Metadaten, deren Auswertung mit KI-Methoden durch die Datenindustrie usw. usw. diskutieren, dann sage ich dem Autor nur: Junge (oder M\u00e4del), du wei\u00dft aber schon, dass du hier auf einem Medium schreibst, welches mit Haut und Haar Teil dessen ist, was du hier kritisierst, dass ich deinen technik- und industriekritischen Artikel nur lesen kann, weil ich zulasse, dass mich die von dir kritisierte Werbe- und Datenindustrie jetzt gerade ausforscht, und dass du dein Gehalt oder Tantieme von SPIEGEL online auch nur deshalb bekommst? Was soll ich da von deiner Glaubw\u00fcrdigkeit halten?<\/p>\n<p>Wenn Leitmedien gerne auf die wichtige gesellschaftliche Funktion von \u201cgutem Journalismus\u201d verweisen, dann nehme ich mal an, dass sie Werbung eher als notwendiges \u00dcbel betrachten, weil sie eben Geld verdienen m\u00fcssen. Wer m\u00f6chte schon freiwillig seinen gut recherchierten Text mit blinkendem bunten Ramsch verunstalten? Und wer m\u00f6chte schon, w\u00e4hrend man im Text den Leser im Geiste der Aufkl\u00e4rung informiert und so zur Selbstbestimmung m\u00fcndiger B\u00fcrger beitr\u00e4gt, ihn durch die im Hintergrund werkelnden Algorithmen die Kontrolle \u00fcber seine Handlungskonsequenzen entziehen und unfreiwillig zur Verfeinerung manipulativer Mechanismen beitragen lassen?<\/p>\n<p>Aber leider reicht die unternehmerische Fantasie offenbar nicht aus, um andere Modelle zu entwickeln, um sich vom Klammergriff der Datenindustrie zu emanzipieren. Die digitalen Bezahlmodelle (wie der \u201cTagespass\u201d oder der \u201cWochenpass\u201d) sind ein guter Anfang. Damit bekommt man interessanten Content hinter der Paywall. Aber von Werbung und Tracking wird man selbst dann nicht verschont. Wieso nicht? Dass Leser, die im 21. Jahrhundert Wert auf Privatsph\u00e4re und Datensouver\u00e4nit\u00e4t legen, f\u00fcr \u201cguten Journalismus\u201d quasi gezwungen sind auf Printmedien vom Kiosk zur\u00fcckzugreifen, weil die Verlage im Onlinebereich bereits zu abh\u00e4ngig von der Datenindustrie sind und zu unf\u00e4hig\u00a0 sich aus dieser Abh\u00e4ngigkeit zu l\u00f6sen, mutet geradezu dystopisch an.<\/p>\n<p>PS: Der Text bezieht sich zwar auf SPIEGEL online, andere Nachrichtenportale sind aber auch nicht viel besser. Jedoch war die oben zitierte v\u00f6llig unverhohlene dreiste Aufforderung, Do-not-track und Incognito-Modus abzuschalten, ausschlaggebend f\u00fcr die Wahl des Adressaten. An die SPIEGEL-Redaktion zu schreiben ist \u00fcbrigens zwecklos; man erh\u00e4lt eine Textbaustein-Antwort mit dem zu erwartenden Blabla.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><strong>Alle<\/strong><\/td>\n<td><strong>Cookie<\/strong><\/td>\n<td><strong>CSS<\/strong><\/td>\n<td><strong>Grafik<\/strong><\/td>\n<td><strong>Skript<\/strong><\/td>\n<td><strong>XHR<\/strong><\/td>\n<td><strong>Frame<\/strong><\/td>\n<td><strong>Andere<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>spiegel.de<\/td>\n<td>4<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>c.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td>2<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>cdn1.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>22<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2cdn2.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>46<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>cdn3.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>17<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>cdn4.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>13<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>magazin.spiegel.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>spiegel-de.spiegel.de<\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td>9<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>www.spiegel.de<\/td>\n<td>6<\/td>\n<td>7<\/td>\n<td>17<\/td>\n<td>9<\/td>\n<td>8<\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>tracking.emsmobile.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>static.emsservice.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td>5<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>spiegel-sp-331.global.ssl.fastly.net<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>s240.meetrics.net<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>5<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>www.summerhamster.com<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>static.criteo.net<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>ad.doubleclick.net<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>3<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>dyn.emetriq.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>5<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>www.google-analytics.com<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>www.googletagservices.com<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>5<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>script.ioam.de<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>s290.mxcdn.net<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>cdn3.optimizely.com<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>27<\/td>\n<td>27<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>static.parsely.com<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Frage: Journalismus kostet und muss sich finanzieren. 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