{"id":255,"date":"2016-07-01T08:53:15","date_gmt":"2016-07-01T07:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=255"},"modified":"2018-07-19T15:07:10","modified_gmt":"2018-07-19T13:07:10","slug":"niedrigzins-und-die-angebliche-enteignung-der-sparer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=255","title":{"rendered":"Niedrigzins und die angebliche \u201cEnteignung der Sparer\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Ersparnis verschiebt man (potenziellen) Konsum in die Zukunft. Dabei wird der Zins als eine Art \u201cPr\u00e4mie\u201d f\u00fcr den heutigen Verzicht verstanden, die den Anspruch des Sparers auf einen Teil des zuk\u00fcnftigen BIP vergr\u00f6\u00dfert. In einer geschlossenen Volkswirtschaft, aber auch in der aggregierten Betrachtung mehrerer Volkswirtschaften, entspricht die Ersparnis den Investitionen. Diese erh\u00f6hen den Kapitalstock und sorgen \u2013 neben anderen Determinanten &#8211; f\u00fcr das Anwachsen des BIP, aus dem heraus die Zinsanspr\u00fcche des Sparers dann befriedigt werden k\u00f6nnen. Anders ausgedr\u00fcckt: die Sparer haben <i>Anspruch auf den durch ihre Ersparnis erzeugten Mehrwert<\/i>!<\/p>\n<p>Nun ist jedoch <i>jegliche<\/i> Erzeugung eines Mehrwertes <i>unsicher<\/i>. Es sind Unternehmen bzw. Unternehm<i>er<\/i>, die entsprechende Investitionsrisiken auf sich nehmen. Mal sind Projekte hochrentabel, mal sind die R\u00fcckfl\u00fcsse aus der Investition gering, und manchmal sogar negativ, wenn Projekte scheitern. Ein Teil des BIP-Zuwachses, n\u00e4mlich unternehmerischer Gewinn (Profit) kann man als Entlohnung f\u00fcr die \u00dcbernahme unternehmerischer Risiken, als eine Art Risikopr\u00e4mie verstehen. Diese wird u.a. an diejenigen Verm\u00f6gensbesitzer ausgesch\u00fcttet (z.B. in Form von unsicheren Dividenden), die bereit waren, entsprechende Risiken einzugehen, als sie die Wahl hatten, in welcher Form sie ihre Ersparnisse halten wollen (z.B. Aktien versus Schuldverschreibungen oder Bankeinlagen).<\/p>\n<p>Ein anderer Teil des geschaffenen Mehrwertes geht aber nicht auf das Konto der Vergr\u00f6\u00dferung des Kapitalstocks, sondern ist dem technischen Fortschritt zuzuschreiben (der wiederum durch risikobehaftete unternehmerische T\u00e4tigkeit und Investitionen in Forschung und Entwicklung zustande kommt). Dieser erh\u00f6ht die Arbeitsproduktivit\u00e4t. Dadurch wird ein Teil des Mehrwertes per grenzproduktivit\u00e4ts-orientierter Entlohnung an den Faktor Arbeit verteilt. Wer durch seine Arbeit pro Stunde mehr erzeugt, hat eben auch einen Anspruch auf Teilhabe daran. Auf wettbewerblichen M\u00e4rkten w\u00fcrde sich jedenfalls die gestiegene Arbeitsproduktivit\u00e4t in h\u00f6heren Reall\u00f6hnen niederschlagen.<\/p>\n<p>Nur derjenige Teil des unter Risiko erzeugten realen Mehrwertes, der dann \u00fcbrig bleibt, kann \u00fcberhaupt nur an diejenigen \u00e4ngstlichen Sparer verteilt werden, die ihr Verm\u00f6gen in Form von Kontrakten halten, die mit <i>festen<\/i> Zinsanspr\u00fcchen versehen sind. Dass so etwas \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, feste Zinsanspr\u00fcche zu vereinbaren, ohne Bereitschaft nennenswerte Risiken auf sich nehmen zu m\u00fcssen, oder in der Lage sein m\u00fcssen, eine unternehmerische Entscheidung zu treffen, ist schon ein gro\u00dfes Zugest\u00e4ndnis, ein soziales Konstrukt, auf das Sparer keineswegs wie auf eine Art \u201cNaturrecht\u201d pochen k\u00f6nnen. Und dar\u00fcber hinaus besteht noch der Anspruch, dass diese Anlage bittesch\u00f6n auch noch hochliquide sein soll. Das Beharren auf positive Zinss\u00e4tze und die Emp\u00f6rung \u00fcber eine \u201cEnteignung\u201d, wenn in einer stagnierenden und mit Unsicherheiten k\u00e4mpfenden Wirtschaft der Anspruch auf einen risikolosen Zins auf Null f\u00e4llt, ist eine Anma\u00dfung und sollte ebenfalls Emp\u00f6rung hervorrufen.<\/p>\n<p>Nun m\u00f6gen einige einwenden, dass es ja auch Schuldner gibt, die das geliehene Geld nicht f\u00fcr Investitionen, sondern f\u00fcr Konsum verwenden und somit gar keinen \u201cMehrwert\u201d erzeugen. In diesem Fall muss dann eben der Schuldner sp\u00e4ter einen Konsumverzicht \u00fcben um Schuld plus Zinsen zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen, oder er geht pleite und der Gl\u00e4ubiger muss dann einsehen, dass das feste Zinsversprechen doch nicht ganz risikolos war und er bei der Kreditvergabe nachl\u00e4ssig war. Jedoch rede ich hier gar nicht \u00fcber Zinsen f\u00fcr Gl\u00e4ubiger, sondern \u00fcber Zinsen f\u00fcr Sparer, sowie den makro\u00f6konomischen Zusammenh\u00e4ngen von Ersparnis, Investition und gesamtwirtschaftlichem Einkommen.<\/p>\n<p>Warum aber ist der Zins so niedrig? Die Rolle der Zentralbanken wird dabei \u00fcblicherweise dramatisch \u00fcbersch\u00e4tzt. Es besteht selbst bei \u00f6konomisch Gebildeten oft die Vorstellung, dass der Zins durch die Zentralbank \u201cgesteuert\u201d werde. Deren Einfluss auf das Zinsniveau ist nicht abzustreiten, von \u201cSteuerung\u201d kann aber (wie auch schon bei der \u201cSteuerung\u201d der Geldmenge) nicht die Rede sein. Ein Zinsanspruch besteht <i>pro Verm\u00f6genseinheit<\/i>, also z.B. f\u00fcr das Halten eines bestimmten Wertpapiers. Anspr\u00fcche auf einen Zins k\u00f6nnen also nur befriedigt werden, wenn der oben beschriebene Teil des erzeugten Mehrwertes &#8211; und allzu gro\u00df ist dieser in stagnierenden Volkswirtschaften nicht &#8211; auf die festverzinslichen Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde (Assets) verteilt werden. Nun ist aber in den letzten Jahrzehnten der Finanzsektor, gemessen an der Zahl der Mitarbeiter, der Ums\u00e4tze, Gewinne, aber eben auch gemessen an der Zahl des Assets enorm gewachsen. Getrieben auch durch den Bedarf an sicheren Anlagen f\u00fcr Liquidit\u00e4t sowie (u.a.) durch neue Instrumente des Hedgings wurden immer mehr Formen von Wertpapieren kreiert. Das Halten von Portfolios solcher Wertpapiere wird teilweise aber wiederum durch festverzinsliche Kontrakte finanziert, die ihrerseits wiederum an M\u00e4rkten gehandelt werden k\u00f6nnen usw. Das alles ist nicht per se schlecht, kann im Gegenteil die Effizienz der Allokation von Kapital m\u00f6glicherweise erh\u00f6hen. Manche \u00d6konomen sehen darin jedoch eine <i>(Over-) Financialization<\/i> \u2013 eine \u00fcberbordende Entwicklung des Finanzsektors weit \u00fcber die Entwicklung des realen Sektors hinaus, f\u00fcr den der Finanzsektor doch eigentlich nur Intermedi\u00e4rsfunktionen hat. Schon die Umlenkung wichtiger Ressourcen wie z.B. Humankapital in den Finanzsektor und die zunehmende Attraktivit\u00e4t der Investition in Finanzprodukte statt in realer Kapitalg\u00fcter k\u00f6nnte mit zu der sog. \u201cs\u00e4kularen Stagnation\u201d der Realwirtschaft beigetragen haben. F\u00fcr unsere Argumentation wichtiger jedoch ist es, dass allein die steigende Zahl der festverzinslichen Assets es geradezu <i>erzwingt<\/i>, dass der <i>pro Asset zu verteilende Mehrwert kleiner werden muss<\/i>. Das hat mit der Zentralbankpolitik zun\u00e4chst gar nichts zu tun. Auch wenn am Ende die Ersparnis den Investitionen entspricht, aber der steigende Aufwand bei der Intermediation den auf den \u201ckleinen Sparer\u201d zu verteilenden Mehrwert verringert, m\u00fcssen die Anspr\u00fcche folglich reduziert werden. Man k\u00f6nnte es auch so ausdr\u00fccken: mit den geringen Zinsen \u201cfinanziert\u201d der Sparer den Overhead des Finanzsystems durch dessen Produktion von Schuldtiteln. Es ist der Preis f\u00fcr eine inzwischen vielleicht schon \u00fcberbordende Intermediation, die mit entsprechender Verschuldung einhergeht.<\/p>\n<p>Man mag einwenden, dass in einer wettbewerblichen Welt Intermediation nur dann stattfindet, wenn sie selbst einen Mehrwert, hier: eine Verbesserung der Kapitalallokation, herbeif\u00fchrt, und ansonsten gar nicht stattfinden w\u00fcrde. Das ist theoretisch wie empirisch fragw\u00fcrdig. Der drastische R\u00fcckgang der Wohnungsmaklert\u00e4tigkeit (auch eine Form der Intermediation) nach Einf\u00fchrung des Bestellerprinzips zeigt, dass vorher sehr wohl Intermediation auf M\u00e4rkten durchgef\u00fchrt wurde, wo sie offenbar gar nicht n\u00f6tig war.<\/p>\n<p>Was passiert, wenn man nun h\u00f6here Zinsanspr\u00fcche an das BIP in einer eher stagnierenden Wirtschaft \u201cdurchsetzen\u201d w\u00fcrde, wie das so einige deutsche Politiker gerne bei der EZB tun w\u00fcrden? Wie oben ausgef\u00fchrt, m\u00fcssen ceteris paribus entweder die L\u00f6hne hinter der Preis- und Produktivit\u00e4tsentwicklung zur\u00fcckfallen (also zulasten des Faktors Arbeit), oder aber der als Risikopr\u00e4mie verstandene Teil des Mehrwertes f\u00fcr die \u00dcbernahme unternehmerischer Risiken muss eingeschr\u00e4nkt werden. Das w\u00e4re dann eine Umverteilung des Mehrwertes zulasten derjenigen Verm\u00f6genshalter, die bereit waren einen Teil des unternehmerischen Risikos zu \u00fcbernehmen zugunsten der \u00e4ngstlichen Spr\u00fccheklopfer, die \u00fcber ihre \u201cEnteignung\u201d lamentieren. Ein Zur\u00fcckdr\u00e4ngen einer finanzmarktgetriebenen Nachfrage (und damit Produktion) von Schuldkontrakten wird es wohl kaum geben, denn zum einen wird niemand normativ sagen k\u00f6nnen, welches der \u201crichtige\u201d Verschuldungslevel ist, und zum anderen w\u00fcrde dies auch die realwirtschaftliche getrieben Nachfrage nach Finanzierung durch Schuldkontrakte d\u00e4mpfen und damit die Finanzierung eben jener Investitionen erschweren, deren Mehrwert man ja verteilen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Immerhin, einen Weg g\u00e4be es noch: man l\u00f6st die Zinsanspr\u00fcche gar nicht ein, sondern perpetuiert sie. Man begibt sich auf den Weg einer Ponzi-Finanzierung, die aber niemand als solche erkennt. Das f\u00fchrt auf Dauer zu Blasen. Deren Platzen, also die Vernichtung von Anspr\u00fcchen, ist dann auch eine Art der \u201cEnteignung\u201d, die aber zwingend notwendig wird, weil der notwendige Mehrwert zur Befriedigung dieser Anspr\u00fcche gar nicht erzeugt werden kann. Vermutlich wird man dann aber ebenfalls Herrn Draghi die Schuld daf\u00fcr geben.<\/p>\n<p>Gewiss, bei Nullzins gibt es Probleme mit der Altersvorsorge und dergleichen mehr. Die RentnerInnen m\u00f6chten schlie\u00dflich ihre Anspr\u00fcche nicht weiter in eine Zukunft verschieben wollen, sie brauchen die Rentenzahlung sofort, und wollen diese auch sofort in G\u00fcter und Dienstleistungen umsetzen. Aber das ist der Preis daf\u00fcr, dass man ein soziales Sicherungssystem auf ein Versprechen aufbaut, dass man nur in einer wahnwitzig wachsenden Realwirtschaft einl\u00f6sen kann. Und auch der Preis daf\u00fcr, dass man nicht verstanden hat, dass ein sicherer positiver Zinssatz keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, sondern m\u00fchsam und riskant erwirtschaftet werden muss und dies eben nicht immer m\u00f6glich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Ersparnis verschiebt man (potenziellen) Konsum in die Zukunft. Dabei wird der Zins als eine Art \u201cPr\u00e4mie\u201d f\u00fcr den heutigen Verzicht verstanden, die den Anspruch des Sparers auf einen Teil des zuk\u00fcnftigen BIP vergr\u00f6\u00dfert. In einer geschlossenen Volkswirtschaft, aber auch in der aggregierten Betrachtung mehrerer Volkswirtschaften, entspricht die Ersparnis den Investitionen. 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