{"id":251,"date":"2016-06-03T10:11:48","date_gmt":"2016-06-03T09:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=251"},"modified":"2018-07-19T15:08:06","modified_gmt":"2018-07-19T13:08:06","slug":"wohlstand-steigt-arbeitslosigkeit-sinkt-und-armut-waechst-wie-passt-das-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=251","title":{"rendered":"Wohlstand steigt, Arbeitslosigkeit sinkt, und Armut w\u00e4chst \u2013 wie passt das zusammen?"},"content":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf w\u00e4chst stetig, die Konjunktur ist gut, die Arbeitslosigkeit sinkt, trotzdem behaupten viele, dass das Armutsrisiko zunehme. Viele Verb\u00e4nde und Institutionen sehen hier stets die gleichen Ursachen: eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich (Polarisierung), zunehmende prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse usw. An dieser Stelle m\u00f6chte ich gar nicht bewerten, ob das Armutsrisiko tats\u00e4chlich zunimmt, und ob die daf\u00fcr ins Feld gef\u00fchrten Gr\u00fcnde empirisch stichhaltig sind (zur Erinnerung sei darauf verwiesen, dass z.B. die Einf\u00fchrung des Mindestlohnes die Zahl der Minijobs deutlich reduziert hat). Im Folgenden gehe ich mal davon aus, dass tats\u00e4chlich das Armutsrisiko zunimmt. Ich m\u00f6chte der Debatte einen weiteren Aspekt hinzuf\u00fcgen: das steigende Armutsrisiko kann auch lediglich ein <em>statistisches Artefakt<\/em> sein, welches durch die Definition von Armut zustande kommt!<\/p>\n<p>Armut wird f\u00fcr entwickelte Volkswirtschaften als <i>relative<\/i> Armut definiert: als armutsgef\u00e4hrdet gilt, wer weniger als 60% des Medianeinkommens verdient. Genauer gesagt handelt es sich um 60% des Median-\u00c4quivalenzeinkommens, bei welchem die unterschiedlichen Haushaltsgr\u00f6\u00dfen ber\u00fccksichtigt werden, aber das soll hier weiter keine Rolle spielen. Das Medianeinkommen ist dasjenige Einkommen, bei dem 50% der Haushalte dar\u00fcber und 50% der Haushalte darunter liegen, also <i>nicht<\/i> das Durchschnittseinkommen. Letzteres ist bei empirischen Einkommensverteilungen stets gr\u00f6\u00dfer als der Median.<\/p>\n<p>Dies sei an folgende Mini-Volkswirtschaft mit 9 Haushalten demonstriert, die der Einkommensh\u00f6he nach geordnet sind. d.h. Haushalt Nr. 5 ist der Medianhaushalt, denn je 4 haben ein h\u00f6heres bzw. niedrigeres Einkommen. Es sei <i>n<\/i> die jeweilige Anzahl der Haushalte mit dem jeweils angegebenen Einkommen:<\/p>\n<table style=\"height: 80px;\" width=\"626\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"2\">\n<colgroup>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"14%\">n<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<td width=\"14%\">1<\/td>\n<td width=\"14%\">1<\/td>\n<td width=\"14%\">1 (Median)<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"14%\">Einkommen<\/td>\n<td width=\"14%\">100<\/td>\n<td width=\"14%\">200<\/td>\n<td width=\"14%\">300<\/td>\n<td width=\"14%\">400<\/td>\n<td width=\"14%\">700<\/td>\n<td width=\"14%\">1000<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die <i>zwei<\/i> \u00e4rmsten Haushalte seien arbeitslos und bekommen staatliche Unterst\u00fctzung in H\u00f6he von 100. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen betr\u00e4gt 500. Die \u00e4rmsten 3 Haushalte haben ein Einkommen von weniger als 60% des Medianeinkommens von 400, so dass die <i>Armutsquote<\/i> 33% betr\u00e4gt. Die <i>Ungleichheit<\/i> der Verteilung kann man anhand des Gini-Koeffizienten messen. Dieser betr\u00e4gt in diesem Beispiel G=0,38. Da der Gini-Koeffizient <i>nicht<\/i> die \u201eSchere zwischen Arm und Reich\u201c misst, wie oft f\u00e4lschlich dargestellt wird (siehe dazu <a href=\"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=240\">diesen<\/a> Blogbeitrag), sei hier noch ein Polarisations-Indikator hinzugef\u00fcgt: der Einkommensabstand der reichsten und \u00e4rmsten 5% der Bev\u00f6lkerung betr\u00e4gt 900.<\/p>\n<p>Nun lassen wir diese Mini-Volkswirtschaft wachsen und gedeihen. Die Einkommen steigen auf breiter Front, die Arbeitslosigkeit sinkt, so dass nur noch <i>ein<\/i> Haushalt staatliche Unterst\u00fctzung (nun sogar um 20% aufgestockt auf 120!) erh\u00e4lt:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<colgroup>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/>\n<col width=\"37*\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"14%\"><i>n<\/i><\/td>\n<td width=\"14%\">1<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<td width=\"14%\">1<\/td>\n<td width=\"14%\">1 (Median)<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<td width=\"14%\">2<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"14%\">Einkommen<\/td>\n<td width=\"14%\">120<\/td>\n<td width=\"14%\">220<\/td>\n<td width=\"14%\">320<\/td>\n<td width=\"14%\">550<\/td>\n<td width=\"14%\">800<\/td>\n<td width=\"14%\">1000<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Das Pro-Kopf-Einkommen ist auf 559 gestiegen, vor allem im mittleren Bereich, und die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Sogar die Ungleichverteilung ist zur\u00fcckgegangen, da der Gini-Koeffizient nun nur noch G=0,33 betr\u00e4gt. Und zur allgemeinen Freude ist sogar die Schere zwischen Arm und Reich r\u00fcckl\u00e4ufig: der Einkommensunterschied der reichsten und \u00e4rmsten 5% betr\u00e4gt nur noch 880.<\/p>\n<p>Doch was ist das? Der Haushalt, dessen Einkommen von 300 auf 320 gestiegen ist, liegt nun <i>unterhalb<\/i> der 60% des (ebenfalls gestiegenen) Medianeinkommens. Somit betr\u00e4gt die Armutsquote nun 44% statt 33%! Ein h\u00f6chst alarmierendes Zeichen? Wir sehen: die so definierte Armut kann auch ohne wachsende Ungleichheit und ohne prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse statistisch zunehmen, und dies bei zunehmendem Wohlstand. Alle diese Zahlen kann man sich als reale Werte vorstellen, also inflationsbereinigt, um auch dieses Argument aus dem Weg zu r\u00e4umen (zudem hatten wir seit Jahren keine nennenswerte Inflationsraten). In dem Beispiel sind die oberen Einkommen prozentual weniger gestiegen als in der Gesamtbev\u00f6lkerung, d.h. untere und vor allem mittlere Einkommen wuchsen relativ st\u00e4rker. Aber das ist paradoxer Weise genau das Problem: <em>das Medianeinkommen wuchs \u00fcberdurchschnittlich, folglich nimmt die Armut zu!<\/em> Anders gesagt: erfolgreiche Umverteilung zugunsten unterdurchschnittlicher Einkommen kann statistisch unter Umst\u00e4nden das Armutsrisiko erh\u00f6hen. Das spricht nicht gegen diese Ma\u00dfnahmen, jedoch gegen eine voreilige Interpretation der Zahlen.<\/p>\n<p>Ich stelle hier weder das Konzept der relativen Armut in Frage, noch m\u00f6chte ich Armut verharmlosen. Aber die Kenntnisse von Messkonzepten und F\u00e4higkeiten zum Interpretieren statistischer Ergebnisse sind bei vielen Menschen gering \u2013 anscheinend auch bei solchen, die im Fernsehen als \u201eExperten\u201c befragt werden. Und das Interesse an Aufkl\u00e4rung ist eher gering, wenn man die Unkenntnis durch wohlfeile, intuitiv erscheinende Argumente instrumentalisieren kann. Den Armen hilft es am Ende nicht, wenn man auf der Grundlage statistischer und \u00f6konomischer Informationsdefizite mehrheitsf\u00e4hige L\u00f6sungen sucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf w\u00e4chst stetig, die Konjunktur ist gut, die Arbeitslosigkeit sinkt, trotzdem behaupten viele, dass das Armutsrisiko zunehme. Viele Verb\u00e4nde und Institutionen sehen hier stets die gleichen Ursachen: eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich (Polarisierung), zunehmende prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse usw. 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