{"id":240,"date":"2016-03-23T16:18:33","date_gmt":"2016-03-23T15:18:33","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=240"},"modified":"2020-02-21T13:35:52","modified_gmt":"2020-02-21T12:35:52","slug":"die-ungleichverteilung-und-die-schere-zwishen-arm-und-reich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=240","title":{"rendered":"Die Ungleichverteilung und die \u201eSchere zwishen Arm und Reich\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die FAZ widmet eine ganze Themenseite zu diesem Thema. Au\u00dfer dem Armutsbericht der Bundesregierung und UN-Berichten zur globalen Armut gibt es immer wieder Publikationen, welche die Ungleichheit der Einkommen oder Verm\u00f6gen zum Gegenstand haben, zuletzt etwa eine Studie der Deutschen Bundesbank oder die \u00dcberschlagsrechnung von Oxfam, nach welcher die reichsten 64 Personen der Welt mehr als die H\u00e4lfte des Verm\u00f6gens besitzen. Regelm\u00e4\u00dfig betonen die einen \u2013 so auch \u00fcberwiegend die FAZ-Redakteure -, dass es weder innerhalb Deutschland noch global eine Zunahme der Ungleichheit gebe, und global die Ungleichheit sogar sinke. Die anderen wiederum akzeptieren dies nicht und behaupten im Gegenteil, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergehe. Ich behaupte hier, dass beide von verschiedenen Dingen sprechen.<\/p>\n<p><em>Von welcher (Ungleich-) Verteilung wird gesprochen?<\/em><\/p>\n<p>Manche beziehen sich auf <em>Einkommen<\/em>, andere auf das (Netto-) <em>Verm\u00f6gen<\/em>. Das ist nicht dasselbe. Ist nun der \u201eArme\u201c derjenige mit dem sehr geringen Einkommen, oder derjenige mit dem sehr geringen Verm\u00f6gen? Die \u00fcbliche Armutsdefinition bezieht sich auf das Einkommen. Aber auch hier kommt es auf die normative Perspektive an: <em>absolute<\/em> Armut (z.B. Einkommen unter 1,30 Dollar\/Tag) versus <em>relative<\/em> Armut (Einkommen unter 60% des Median-Einkommens). Der globale Erfolg bei der Armutsbek\u00e4mpfung bezieht sich auf die absolute Armut. Dabei wird die unterschiedliche Kaufkraft in den L\u00e4ndern sowie die Inflation durchaus ber\u00fccksichtigt. Dem Armutsbericht der Bundesregierung und dem deutschen Mediendiskurs liegt dagegen der relative Armutsbegriff zugrunde. Konstruktionsbedingt kann es nat\u00fcrlich sein, dass es in einem bettelarmen Land viel weniger relative Armut gibt als im reichen Deutschland. Da ist es m\u00fc\u00dfig, wenn sich in den Medien die Anh\u00e4nger unterschiedlicher Sichtweisen gegenseitig vorwerfen, sie w\u00fcrden einen \u201eirref\u00fchrenden\u201c Indikator verwenden. Die beiden Armutsindikatoren beantworten unterschiedliche Fragen und haben beide ihre Vor- und Nachteile.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wird die Verteilung des Verm\u00f6gens gemessen. Was das genau ist und wie hoch dieses ist, ist weitaus weniger klar als im Fall des Einkommens. Besonders umstritten sind die Punkte, (i) ob Anspr\u00fcche an die Rentenversicherung einbezogen werden sollen (was in der Statistik eher selten der Fall ist), und ob (ii) die Betrachtung des <em>Netto<\/em>verm\u00f6gens (Verm\u00f6gen minus Schulden) sinnvoll ist. Bef\u00fcrworter argumentieren, dass man ja wohl keinen Besitzer einer Villa plus Rolls-Royce jemandem gleichstellen kann, der ebenfalls eine Villa und Rolls-Royce hat, sich dies aber nur auf Pump geleistet hat. Dies spricht f\u00fcr die Nettobetrachtung. Dann allerdings ist jemand, der 1 Mio Euro Verm\u00f6gen sowie 1.1 Mio Euro (nachhaltig finanzierte) Schulden hat rechnerisch \u201e\u00e4rmer\u201c als der Tagel\u00f6hner aus Bangladesch, der keine Schulden machen kann, weil er \u00fcberhaupt kein Verm\u00f6gen hat. Was ist nun sinnvoll? Ich lasse das mal offen.<\/p>\n<p><em>Wie wird (Ungleich-) Verteilung gemessen?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt eine ganze Reihe von Messkonzepten, von denen ein weithin bekanntes und viel genutztes der Gini-Koeffizient ist (siehe dazu den entsprechenden Wikipedia-Artikel). Dieser hat den Vorteil, dass er unabh\u00e4ngig vom absoluten Einkommens- oder Verm\u00f6gensniveau &#8211; und damit auch inflations- und w\u00e4hrungsunabh\u00e4ngig \u2013 ist und ein standardisiertes objektives Ma\u00df bietet. Aber bei jeder Betrachtung, die die Umst\u00e4nde auf eine einzige Zahl verdichtet, gehen nat\u00fcrlich Informationen verloren. Ein gleich bleibender Gini-Koeffizient sagt zum Beispiel nicht viel \u00fcber den Abstand der Haushalte mit dem h\u00f6chsten und dem niedrigsten Einkommen bzw. Verm\u00f6gen aus (Polarit\u00e4t). Es ist somit statistisch kein Widerspruch \u2013 wie zum Beispiel im letzten Bundesbankbericht zur Verm\u00f6gensverteilung nachzulesen ist -, dass die \u00e4rmsten 40% der Haushalte in 2014 \u00fcber ein geringeres Nettoverm\u00f6gen verf\u00fcgten als noch 2010, w\u00e4hrend die reichsten 10% der Haushalte \u00fcber ein h\u00f6heres Verm\u00f6gen verf\u00fcgen, aber der Gini-Koeffizient trotzdem gleich bleibt. Das kann zum Beispiel dadurch zustande kommen, dass mehr verm\u00f6gensschwache Haushalte in die Mittelklasse aufger\u00fcckt sind. Wenn also die Botschaft der Studie, dass der Gini-Koeffizient sich zwischen 2010 und 2014 praktisch \u00fcberhaupt nicht ver\u00e4ndert hat, einen FAZ-Redakteur zu der Aussage verleitet, dass damit bewiesen sei, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinandergeht, so ist das eine Fehldeutung der Aussage des Koeffizienten.<\/p>\n<p>Also obacht! mit den verwendeten Verteilungsma\u00dfen. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die globale Ungleichverteilung, die angeblich seit den 1990er Jahren eher abnimmt als zunimmt, weil vor allem in einigen Schwellenl\u00e4ndern eine Mittelschicht heranw\u00e4chst, die zu den Industrienationen aufzuholen beginnt. Das mag zwar stimmen und erscheint mir nicht unplausibel, aber ein abnehmender Gini-Koeffizient f\u00fcr die Verteilung der Durchschnittseinkommen reicher und armer L\u00e4nder ist nur ein unzureichender Indikator. Wie wir oben gesehen haben, k\u00f6nnte man einen sinkenden globalen Gini-Koeffizienten auch dann haben, wenn lediglich eine reiche Elite in den armen L\u00e4ndern deutlich zu den reichen L\u00e4ndern aufholt, w\u00e4hrend die arme H\u00e4lfte im Elend versinkt, w\u00e4hrend gleichzeitig in den reichen L\u00e4ndern das \u00e4rmste Drittel von der Gesamtentwicklung abgeh\u00e4ngt wird. Ein solches Szenario w\u00fcrde einem wohl weniger Jubelschreie entlocken als nur die Aussage, dass die globale Ungleichheit gem\u00e4\u00df Gini-Koeffizient abnimmt. Genaueres w\u00fcsste man, wenn man die Einkommensverteilungsfunktionen aller einzelnen L\u00e4nder h\u00e4tte, aber die liegen sehr oft nicht vor, oder werden durch mehr oder weniger fantasievolle Hilfskonstrukte approximiert.<\/p>\n<p><em>Summa summarum<\/em>: Das Verteilungsma\u00df des Gini-Koeffizienten ist au\u00dferordentlich n\u00fctzlich, aber dieser misst nicht die \u201eSchere zwischen Arm und Reich\u201c. Dazu sind Informationen n\u00f6tig, die bei der Konstruktion des Koeffizienten untergehen.<\/p>\n<p>PS: In den Medien gibt es die verbreitete Attit\u00fcde, dass mit wegwerfender Handbewegung gesagt wird: &#8222;Ach, das ist blo\u00df Statistik. Der ist eh nicht zu trauen, mit kann man eh zeigen, was man will&#8230;&#8220; oder &#8222;Ach, das sind doch blo\u00df Durchschnittswerte, die haben eh nichts mit der Realit\u00e4t zu tun&#8230;&#8220;&nbsp; usw. Davor kann man nur warnen! Wer so denkt, liefert sich ideologischem Denken fernab jeder Empirie aus. Wer braucht schon empirisches Wissen, wenn man schon \u00dcberzeugungen hat? Die auch von Studierenden immer wieder gern bem\u00fchte &#8222;Realit\u00e4t&#8220; erfassen wir nun mal mit Messmethoden. Diese sind nie theoriefrei und setzen meist normative Entscheidungen voraus. Wer dies nicht kritisch reflektieren m\u00f6chte, sollte auch nicht \u00fcber &#8222;die Realit\u00e4t&#8220; schwadronieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die FAZ widmet eine ganze Themenseite zu diesem Thema. 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