{"id":225,"date":"2015-12-06T18:26:58","date_gmt":"2015-12-06T17:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=225"},"modified":"2018-07-19T15:12:41","modified_gmt":"2018-07-19T13:12:41","slug":"ein-globalisierungsparadoxon-weniger-effizienz-durch-mehr-freihandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=225","title":{"rendered":"Ein Globalisierungsparadoxon \u2013 weniger Effizienz durch mehr Freihandel?"},"content":{"rendered":"<p>Um eines vorab zu kl\u00e4ren: Ich habe nichts gegen wettbewerbliche M\u00e4rkte und freien Handel, ganz im Gegenteil. Mir geht es um die individuelle Freiheit von Menschen, die in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen leben, weshalb Freiheit immer mit Verantwortung zu tun hat. Freie M\u00e4rkte und Handel werden angetrieben durch individuelle Entscheidungen im Rahmen gesellschaftliche gestalteter Spielregeln. \u00d6konomen gehen von der Vorstellung aus, dass Individuen die Konsequenzen m\u00f6glicher Handlungsalternativen entsprechend ihrer Pr\u00e4ferenzen bewerten, (meistens) die f\u00fcr sie bestm\u00f6gliche Alternative w\u00e4hlen, und dann aber auch Verantwortung f\u00fcr die Konsequenzen tragen. Wie man bereits im ersten Semester eines \u00d6konomiestudiums lernt, treten aber auf einem freien Markt dann Probleme auf, wenn eine Marktseite die Konsequenzen ihrer Handlungsalternativen nicht richtig einsch\u00e4tzen kann, weil eine Informationsasymmetrie vorliegt. In solchen F\u00e4llen kann der Markt in aller Regel nicht effizient funktionieren. Standardlehrbuchbeispiel ist der Gebrauchtwagenmarkt, bei dem der K\u00e4ufer \u00fcber die Qualit\u00e4t des Gebrauchtwagens schlechter informiert ist als der Verk\u00e4ufer und daher seine Zahlungsbereitschaft evtl. unterhalb des Preises liegt, den der Verk\u00e4ufer angesichts der ihm bekannten Qualit\u00e4t angemessen erscheint. Ein wechselseitig vorteilhafter Tausch kommt nicht zustande, was im Klartext hei\u00dft: Ineffizienz. Ein anderes Beispiel ist eine Bank, die \u00fcber die Bonit\u00e4t des Kreditnehmers schlechter informiert ist als dieser selbst, was zu einer Kalkulation eines Risikoaufschlags auf den Zins f\u00fchren kann, den ein risikoarmer Kreditnehmer nicht mehr zu tragen bereit ist.<\/p>\n<p>Was hat das nun mit der Globalisierung zu tun? K\u00fcrzlich hat Mexiko, welches ein Freihandelsabkommen mit den USA hat (TPP), erfolgreich dagegen geklagt, dass in den USA im Handel erh\u00e4ltlicher Thunfisch mit einem Siegel versehen sein muss, welches nachweisen soll, dass dieser f\u00fcr Delphine schonend gefangen wurde. Mexiko sah darin ein <i>nicht-tarif\u00e4res Handelshemmnis<\/i>, welches dem Freihandelsabkommen widerspricht, und hat damit Recht bekommen (SZ.de vom 30.11.15). K\u00e4ufer von Thunfisch k\u00f6nnen nicht wissen, wie der Thunfisch gefangen wurde, der Preis enth\u00e4lt alle m\u00f6glichen Informationen, aber nicht die, ob dabei Delphine als Beifang ums Leben kommen oder nicht. Mit anderen Worten: beim Thunfischkauf kann man eben nicht alle Konsequenzen dieser Handlung einsch\u00e4tzen, es liegt Informationsasymmetrie vor. Zur L\u00f6sung oder Linderung solcher Probleme gibt es verschiedene Mechanismen, dem Marktmechanismus auf die Spr\u00fcnge zu helfen. Im Fall des Gebrauchtwagens ist dies z.B. das T\u00dcV-Siegel, welches zumindest gewisse Mindestqualit\u00e4tsstandards garantiert, im Fall der Kreditnehmer-Bonit\u00e4t gibt es Dienste wie SCHUFA oder Ratingagenturen. Und im Fall des Thunfischs eben ein \u201edolphin safe\u201c-Siegel. Daneben gibt es eine ganze Palette von \u00d6ko- und Fair-Trade-Siegeln, die \u00fcber diese und jene Produktions- und Handelsbedingungen Auskunft geben. All das soll zumindest ein wenig helfen, Informationsasymmetrien abzubauen, die K\u00e4ufer \u00fcber die globalen Konsequenzen ihrer Handlungen aufzukl\u00e4ren und somit Entscheidungen zu treffen, die ihren Pr\u00e4ferenzen am n\u00e4chsten kommen. Erst dann spiegeln Preise einigerma\u00dfen ad\u00e4quat auch die Zahlungsbereitschaft wider. All diese Ma\u00dfnahmen sind nicht gegen den Markt und den freien Handel gerichtet, sondern <i>f\u00fcr<\/i> diese! Sie sollen dem Markt helfen zu einer effizienten Allokation knapper Ressourcen zu gelangen. Es ist ein tiefgreifendes Missverst\u00e4ndnis, dass solche Regulierungen als \u201enicht-\u00f6konomische\u201c, also z.B. verbraucherschutz- oder umweltorientierte Ma\u00dfnahmen betrachtet werden, um den freien Markt einzud\u00e4mmen. Das Gegenteil ist der Fall: Umwelt- und Verbraucherschutz will den Pr\u00e4ferenzen der Individuen dort Geltung verschaffen, wo das Preissystem dieser Aufgabe unzureichend nachkommt, und soll somit die Leistungsf\u00e4higkeit der Marktwirtschaft st\u00e4rken!<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: In den USA m\u00fcssen Restaurants neuerdings den Salzgehalt der angebotenen Speisen angeben. Der entsprechende Gastst\u00e4ttenverband hat dagegen nun Klage eingereicht (spiegel.de vom 4.12.15). Solche Vorschriften werden als unangemessener Eingriff in individuelle Freiheitsrechte, als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige staatliche Bevormundung aufgefasst. Nun f\u00fchrt aber eine Ern\u00e4hrungsweise, in der \u00fcberm\u00e4\u00dfig Salz konsumiert wird, zu Gesundheitssch\u00e4den. Die langfristigen Konsequenzen f\u00fcr die Gesundheit k\u00f6nnen vom individuellen Entscheider nicht eingesch\u00e4tzt werden, wenn ihm Informationen \u00fcber Inhaltsstoffe in der Nahrung fehlen. Wenn einem dieser spezielle Aspekt wichtig genug, also als handlungsrelevant erscheint, kann man \u00fcber eine kollektive L\u00f6sung dieser Informationsasymmetrie nachdenken, die dann zu einer solchen Regulierung f\u00fchrt. In anderen Gesellschaften mit anderen Ern\u00e4hrungsgewohnheiten mag man da zu anderen Abw\u00e4gungen kommen. Die Konsequenzen der Handlungen zu kennen und verantworten zu k\u00f6nnen, ist aber essentiell f\u00fcr individuelle Freiheit. Die Begr\u00fcndung, dass der Abbau von Informationsasymmetrien eine Beschr\u00e4nkungen individueller Freiheit darstelle, ist somit aberwitzig. Indem zig Millionen Kunden eine informierte, reflektierte und verantwortbare Entscheidung unm\u00f6glich gemacht wird, werden diese ebenfalls in der Substanz ihrer Freiheitsrechte eingeschr\u00e4nkt. Sie sollen als stumpf Konsumierende \u201efunktionieren\u201c, nicht aber ihre Handlungsfolgen verantworten wollen. Welcher Freiheitsbegriff hier in der angeblich so liberalen Wirtschaftskonzeption zugrunde liegt, m\u00f6chte man am liebsten gar nicht wissen.<\/p>\n<p>Es gibt zahllose weitere Beispiele f\u00fcr unbekannte Handlungskonsequenzen. Der Witz ist, dass in dem Fall, in dem Individuen ausschlie\u00dflich egoistisch denken, ein gro\u00dfer Teil dieser Handlungskonsequenzen irrelevant sind: ob bei der Herstellung des Produktes Kinder- oder Sklavenarbeit eingesetzt, oder Fl\u00fcsse in fernen L\u00e4ndern verschmutzt wurden usw. wird dann nicht als entscheidungsrelevant angesehen und diesbez\u00fcgliche Informationsasymmetrie stellt kein \u00f6konomisches Problem dar. Je mehr Menschen aber sozial und \u00f6kologisch interessiert sind und \u2013 als anspruchsvolle Voraussetzung individueller Freiheit \u2013 Verantwortung \u00fcbernehmen m\u00f6chten, desto dr\u00e4ngender ist das Problem der Informationsasymmetrie. Ohne deren teilweise \u00dcberwindung lebt und konsumiert man fast zwangsl\u00e4ufig in \u201estruktureller Verantwortungslosigkeit\u201c. Ich w\u00fcrde in diesem Konsummodell eine Bedrohung individueller Freiheit sehen.<\/p>\n<p>Und so erschlie\u00dft sich auch die Bedeutung der \u00dcberschrift: Mit fortschreitender Globalisierung werden die Produktionsketten immer weiter zerlegt und auf viele Produktionsstandorte verteilt. Keine Instanz kann mehr \u00fcber das komplette Wissen verf\u00fcgen, wann, wo und vor allem wie all die Rohstoffe und Vorprodukte hergestellt, transportiert und letztlich zum Endprodukt verarbeitet wurden. Wenn all diese Informationen f\u00fcr den K\u00e4ufer des Endproduktes irrelevant sind, so ist es auch \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig, all dies zu wissen, denn alle relevanten Informationen sind in all den Preisen f\u00fcr Rohstoffe, Vorprodukte, Transport und schlie\u00dflich f\u00fcr das Endprodukt enthalten. Auf diesen Vorstellungen beruhen im Wesentlichen die (neoklassischen) Theorien der \u00d6konomen. Daraus kann man dann die Schlussfolgerung ziehen, dass eine fortschreitende Globalisierung zu einer verbesserten Nutzung vorhandener Ressourcen und Technologien f\u00fchrt, und letztlich den Wohlstand aller erh\u00f6ht. Paradoxerweise erh\u00f6hen sich dadurch aber auch die Informationsasymmetrien enorm. Ein wachsender Aufwand ist n\u00f6tig um sicherzustellen, dass z.B. keine Kinderarbeit eingesetzt wurde, bestimmte Qualit\u00e4ts- und Lebensmittelstandards eingehalten wurden (auch in Vorprodukten fernab der Endproduktfertigung), die Umwelt nicht allzu belastet, und keine Despoten unterst\u00fctzt wurden. Dieser Aufwand ist f\u00fcr Hersteller und H\u00e4ndler l\u00e4stig, wie an dem Thunfisch- und dem Salzbeispiel zu sehen ist, aber f\u00fcr K\u00e4ufer, die eine verantwortbare individuelle Entscheidung gem\u00e4\u00df ihrer Pr\u00e4ferenzen treffen m\u00f6chten, ist der Aufwand noch zu gering. Immer noch ist z.B. der unmittelbare Zusammenhang zwischen eigenem Einkaufsverhalten und der Rodung von Regenwald zwecks Anpflanzung von Plantagen zur Palm\u00f6lgewinnung unsichtbar, obwohl das Palm\u00f6l in den Produkten steckt, die man soeben in seinen Einkaufswagen gelegt hat. Als \u00d6konom muss sich da die Frage aufdr\u00e4ngen, ob die Effizienzverluste aufgrund globalisierungsbedingt steigender Informationsasymmetrien nicht die Effizienzgewinne aufgrund der Nutzung komparativer Kostenvorteile eventuell schon \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste sich diese Frage einem liberalen marktwirtschafts-affinen \u00d6konomen noch viel dr\u00e4ngender stellen als einem regulierungsorientierten \u201elinken\u201c \u00d6konomen. Einmal mehr wird deutlich, wie sehr der Markt und die individuelle Freiheit an Voraussetzungen gekn\u00fcpft sind, an Spielregeln, die kollektiv gesetzt werden m\u00fcssen. Freiheit im Sinne von Autonomie wird nicht nur durch die Anma\u00dfungen des Kollektivs bedroht, bevormundend in individuelle Entscheidungen einzugreifen, sondern auch durch die Anma\u00dfungen eines Marktes, der einem die Voraussetzungen f\u00fcr verantwortbares Handeln vorenth\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um eines vorab zu kl\u00e4ren: Ich habe nichts gegen wettbewerbliche M\u00e4rkte und freien Handel, ganz im Gegenteil. Mir geht es um die individuelle Freiheit von Menschen, die in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen leben, weshalb Freiheit immer mit Verantwortung zu tun hat. 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