{"id":191,"date":"2015-05-27T11:01:15","date_gmt":"2015-05-27T10:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=191"},"modified":"2018-07-19T15:22:00","modified_gmt":"2018-07-19T13:22:00","slug":"plagiate-und-ihre-konsequenzen-augenmass-ist-gefragt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=191","title":{"rendered":"Plagiate und ihre Konsequenzen \u2013 Augenma\u00df ist gefragt"},"content":{"rendered":"<p>Zum Beitrag von Theodor Ebert in der F.A.Z. vom 19.04.2015, einer recht positiven Besprechung der Publikation \u201eFalse Feathers\u201c von D. Weber-Wulff (2014), welche f\u00fcr ein hartes Vorgehen von Universit\u00e4ten, einschlie\u00dflich ihrer Bibliotheken, gegen Plagiate pl\u00e4diert.<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Debatte wird Plagiat meist mit \u201eAbschreiben\u201c oder \u201eAbkupfern\u201c identifiziert, bei dem ein Autor das \u201egeistige Eigentum\u201c eines anderen \u201estiehlt\u201c und somit die wissenschaftliche \u00d6ffentlichkeit und Pr\u00fcfungsgremien betr\u00fcgt. Es ist ohne Frage verwerflich, wenn jemand geistige Leistungen eines anderen als seine eigenen ausgibt und sich dadurch Vorteile verschafft, und dies muss auch ernste Konsequenzen f\u00fcr den Betreffenden haben. Ein \u201eCopy and Paste\u201c von Textstellen, die mit ein paar ein- und \u00fcberleitenden S\u00e4tzen versehen, zu einem \u201eeigenen\u201c Text zusammengesetzt werden, und den Leser \u00fcber die entnommenen Gedanken und Formulierungen im Unklaren zu lassen, ist ein Vergehen. Da besteht breiter Konsens, dem auch ich zustimme. Die Praxis der Plagiatsj\u00e4gerei ist aber viel komplizierter. Das plakative Sprechen von \u201eBetrug\u201c und \u201eDiebstahl geistigen Eigentums\u201c \u00fcbersieht dabei Probleme, dass die Ber\u00fccksichtigung von Fachkontext und Rezeptionspraxis sich nicht so einfach auf mehr oder wenige algorithmische Regeln semantischer Textanalyse herunterbrechen lassen.<\/p>\n<p>Es wird komplizierter, wenn man in die Details geht: simples Abschreiben oder auch Formulierungen sehr nahe am Originaltext, jedoch ohne Quellenangabe, kommt zwar vor, aber eher selten. Das w\u00e4re ein klares Plagiat. Schwieriger wird es, wenn \u00e4hnliche Formulierungen verwendet werden, der Originaltext durchaus z.B. mit \u201e(vgl. Ginkelhuber (2001), S.145)\u201c zitiert wird, jedoch nicht bei jedem Satz oder Absatz. In prominenten Plagiatsf\u00e4lle wie z.B. bei Annette Schavan, wurden Plagiats-Beispiele in der \u00d6ffentlichkeit vorgef\u00fchrt, bei denen mir im Prinzip klar war, dass Frau Schavan hier die Position eines bestimmten Autors oder dessen Rezeption in der Literatur referiert, die relevanten Quellen auch nennt, aber eben nicht bei jeder einzelnen Formulierung oder kurzem Absatz erneut auf die Quellen verweist, an deren Formulierungen sie (allzu) nahe dran liegt. Das ist handwerklich nicht sauber, aber man kommt als Leser kaum auf die Idee, dass Frau Schavan hier betr\u00fcgerisch fremde Ideen als ihre eigenen verkaufen will \u2013 zumindest dann nicht, wenn man den Text als fachlich vorgebildeter Rezipient liest (und das ist bei mir noch nicht einmal der Fall, ich habe lediglich Erfahrung in der Rezeption sozialwissenschaftlicher Texte, bin aber kein Experte in Sozialphilosophie).<\/p>\n<p>Und damit komme ich zu dem Punkt, dass die Plagiatsj\u00e4gerei oft nichts mit dem Rezeptionskontext des Werkes zu tun hat, der jedoch bei der Beurteilung, ob es sich um eigenst\u00e4ndige Erkenntnisbeitr\u00e4ge im Diskurs handelt, sehr wichtig ist. Was ist mit Erkenntnissen, die \u201eAllgemeingut\u201c geworden sind? Muss man bei der Anwendung des Satzes von Pythagoras die altgriechische Originalquelle (m\u00f6glicherweise hat Pythagoras diese Erkenntnis selbst aus babylonischen Quellen plagiiert, f\u00fcr seinen Beweis gibt es keine Quelle von ihm selbst) oder zumindest eine zug\u00e4ngliche Sekund\u00e4rquelle auftun (\u201ePythagoras, zit. nach Ginkelhuber (2001), S.145\u201c)? Das Beispiel mag l\u00e4cherlich sein, aber in vielen Fachdisziplinen wird Standardwissen sehr oft selbstverst\u00e4ndlich benutzt, und es wird z.B. in der VWL als legitim erachtet, das IS-LM-Modell zu verwenden, ohne stets auf die Arbeiten von Hicks ud Hansen aus den 1950er Jahren zu veweisen, sobald die einschl\u00e4gige Grafik erscheint, oder die Effizienzmarkt-Hypothese, ohne zum x-ten Mal Fama, Black und Scholes zu zitieren. Auch bei Formulierungen wie \u201eIn der Neoklassik ging man von individueller Nutzenmaximierung aus.\u201c ohne jede Textreferenz wird etwas behauptet, was zwar nicht im Einzelnen belegt wird (da es als Standard-Fachwissen vorausgesetzt wird), aber es beansprucht aus Sicht des halbwegs fachkundigen Lesers auch keine geistige Urheberschaft. Jeder wei\u00df das, aber dummerweise wurde es bereits von Ginkelhuber (1951) schon einmal genau so formuliert, und somit ist es ein Plagiat. Hier wird es schwierig, wenn Plagiatsj\u00e4ger ohne fachliche Expertise Textanalyse betreiben \u2013 und davon gibt es viele. Der fachkundige Leser wird h\u00e4ufig keine unangemessene \u00dcbernahme fremder Ideen oder ein Vort\u00e4uschen geistiger Eigenleistungen bemerken, weil ihm aus dem Kontext v\u00f6llig klar ist, welche Textteile sich auf Bekanntes beziehen, und worin die Neuerung liegt, welchen Beitrag der Autor eigentlich zum Diskurs liefern will. Der rein formal-textanalytisch arbeitende Plagiatsj\u00e4ger (bzw. Plagiats-Software) wird dagegen schon Alarm schlagen.<\/p>\n<p>Noch schwieriger wird die Frage bei den <em>Konsequenzen<\/em> von Plagiaten, sprich bei der Aberkennung von Examensleistungen und Doktortiteln. Bei Examensleistungen sehen die meisten, wenn nicht alle Pr\u00fcfungsordnungen Sanktionen vor, bei nicht entdeckten Plagiaten gibt es eine Verj\u00e4hrungsfrist. Bei Dissertationen und wissenschaftlichen Publikationen wird dies von vielen Plagiatsj\u00e4gern anders beurteilt: Da Dissertationen und andere Publikationen einen Beitrag zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt leisten (sollen), und die Ergebnisse von anderen zitiert werden, sollten Plagiate nicht nur ggf. den Entzug des Titels nach sich ziehen, sondern auch die Dissertationen aus Bibliotheken usw. entfernt werden, so Frau Weber-Wulff (zit. nach Ebert, FAZ vom 19.4.15). Nun ist Letzteres bei plagiierenden Publikationen in Fachzeitschriften nicht ohne weiteres m\u00f6glich. Man m\u00fcsste Plagiate auf eine Art Index setzen und bevor ein Wissenschaftler irgendeine Quelle liest, geschweige denn diese zitiert, m\u00fcsste ein Abgleich mit diesem Index erfolgen. Genau genommen m\u00fcsste er auch \u00fcberpr\u00fcfen, ob die Aussage, die er zitieren m\u00f6chte, \u00fcberhaupt je Gegenstand des Plagiatsverfahrens war. Der dramatische Anstieg von Transaktionskosten w\u00fcrde Forschung drastisch behindern.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wenn z.B. eine Dissertation erhebliche Plagiatsbefunde aufweist, bedeutet das noch lange nicht, dass nicht trotzdem auch ein erheblicher eigenst\u00e4ndiger Erkenntnisfortschritt an anderer Stelle des Werkes geleistet wurde. Wer z.B. den Literaturstand schlampig referiert hat, d.h. textlich zu nah am Original war und oft schlecht zitiert hat, die Plagiatserkennungssoftware also v\u00f6llig zu Recht Alarm schl\u00e4gt, dann aber auf zwei Seiten ein bahnbrechendes Theorem aufgestellt und bewiesen hat, dessen Arbeit gilt dann als \u201ezu 90% plagiiert\u201c. Den eigenst\u00e4ndigen wissenschaftlichen Erkenntniswert zu erkennen d\u00fcrfte rein text-analytisch arbeitenden Plagiatsj\u00e4gern schwer fallen. Dazu fehlt ihnen die Expertise und die fachliche Rezeptionspraxis: bei welchen Gedanken darf man beim Fachpublikum als allgemein bekannt voraussetzen, dass dies nicht originelle Eigenleistung des Verfassers, sondern allgemeiner Kenntnisstand der Disziplin ist? Was ist wirklich neuartig und ein Erkenntnisfortschritt? Es w\u00fcrde Plagiatsj\u00e4ger auch zu unangenehmen G\u00fcterabw\u00e4gungen zwingen \u2013 eine normativ sehr viel heiklere Angelegenheit als das Aufdecken von Copy-and-Paste-F\u00e4llen. Generell kommen G\u00fcterabw\u00e4gungen in einer Debatte sehr kurz, welche durch scheinbar glasklare Gegensatzpaare gepr\u00e4gt ist: richtig \u2013 falsch, ehrlich \u2013 betr\u00fcgerisch, eigenst\u00e4ndig \u2013 gestohlen, verdienter Doktortitel \u2013 R\u00fcbe ab!<\/p>\n<p>Ich will gar nicht f\u00fcr oder gegen etwas pl\u00e4dieren, was in solchen F\u00e4llen angemessen sei. Ich will nur zu bedenken geben, dass eine Gleichstellung des eben beschriebenen Falls etwa mit reinen Copy-and-Paste-Arbeiten \u2013 und die Medien\u00f6ffentlichkeit wird mit ihren \u201eSchande!\u201c-Rufen keinerlei Differenzierung vornehmen, und in den sog. \u201esozialen\u201c Medien wird die berufliche und pers\u00f6nliche totale Demontage oft schon abgeschlossen sein, bevor der\/die Betreffende davon erf\u00e4hrt, dass gegen seine\/ihre Arbeit ermittelt wird \u2013 nicht nur unfair ist, sondern vor allem auch nicht den Zweck erf\u00fcllt, zwischen wissenschaftlichen Fortschritt und blankem \u201eAbkupfern\u201c zu differenzieren, denn: so einfach ist es eben nicht. Die manchmal kritisierte Beh\u00e4bigkeit, mit der Universit\u00e4ten bei Plagiatsf\u00e4llen vorgehen, kann man so gesehen auch als vorsichtiges und umsichtiges Agieren verstehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich soll jeder Wissenschaftler den wissenschaftlichen Ethos, vor allem den Respekt gegen\u00fcber geistigen Leistungen anderer ebenso verinnerlichen wie die Praxis des korrekten Zitierens. Aber f\u00fcr einen produktiven wissenschaftlichen Diskurs halte ich Beitr\u00e4ge mit originellen Ideen, selbst wenn Formulierung und Zitation kritisch sind, f\u00fcr viel wichtiger als plagiatsfreie Texte mit lupenreiner Zitation, die zum Literatur-Tsunami wissenschaftlicher Bedeutungsarmut beitragen, der durch die Fehlanreize des Wissenschaftsbetriebs ausgel\u00f6st wurde. Mit einem \u201eWer betr\u00fcgt, der fliegt\u201c ist jedenfalls ein vern\u00fcnftig begr\u00fcndbares Wissenschaftsethos nicht hinreichend beschrieben, um es mal milde auszudr\u00fccken. Unter einem wissenschaftlichen Diskurs stelle ich mir kein ewiges Gerichtsverfahren vor, in welchem man einen Gedanken am besten von seinem Rechtsanwalt vortragen l\u00e4sst. Ich m\u00f6chte schon gerne Betr\u00fcger, Poser, akademische Titelgrapscher loswerden, aber nicht originelle, kreative, exzellente Personen, die sich in ihrer Puzzlearbeit leider weniger um Zitationsregeln scheren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Beitrag von Theodor Ebert in der F.A.Z. vom 19.04.2015, einer recht positiven Besprechung der Publikation \u201eFalse Feathers\u201c von D. Weber-Wulff (2014), welche f\u00fcr ein hartes Vorgehen von Universit\u00e4ten, einschlie\u00dflich ihrer Bibliotheken, gegen Plagiate pl\u00e4diert. In der \u00f6ffentlichen Debatte wird Plagiat meist mit \u201eAbschreiben\u201c oder \u201eAbkupfern\u201c identifiziert, bei dem ein Autor das \u201egeistige Eigentum\u201c eines [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[19],"class_list":["post-191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-plagiate"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=191"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":429,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191\/revisions\/429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}