{"id":174,"date":"2015-03-17T11:50:04","date_gmt":"2015-03-17T10:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.pasche.name\/?p=174"},"modified":"2018-07-19T15:24:40","modified_gmt":"2018-07-19T13:24:40","slug":"sogenannte-fakten-zu-ttip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=174","title":{"rendered":"Sogenannte \u201eFakten\u201c zu TTIP"},"content":{"rendered":"<p>Nach Kritik von Foodwatch mussten BDI und INSM ihre Zahlen zu den positiven Effekten von TTIP korrigieren, andere Institutionen zieren sich noch. Die fehlerhafte Darstellung von Ergebnissen aus Studien ist eine Sache, die Orientierung am optimistischen oberen Rand der Sch\u00e4tzungen dieser Studien ist eine andere. Je nach zitierter Studie und nach zitiertem Szenario innerhalb einer Studie schwanken die Sch\u00e4tzungen bez\u00fcglich der Wirkungen auf BIP-Wachstum und geschaffenen Arbeitspl\u00e4tzen enorm. Arbeitsplatzeffekte werden f\u00fcr Europa mit 12.000 bis zu 1,3 Millionen angegeben \u2013 wobei letzteres das \u00fcber Hundertfache (!) der konservativen Sch\u00e4tzung ist. Kann man da \u00fcberhaupt noch von einer \u201eSch\u00e4tzung\u201c sprechen? Selbst der Kalenderweisheit, dass die Wahrheit \u201eirgendwo in der Mitte\u201c liegen wird, ist wohl kaum zu trauen.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr \u201eSch\u00e4tzungen\u201c der Wachstumseffekte: 100 Milliarden in einem Zeitraum von 10 (!) Jahren. Abgesehen davon, dass auf das Jahr gerechnet der Effekt sich prozentual erst in der Nachkommastelle der Wachstumsrate bemerkbar machen w\u00fcrde, darf man fragen, was von derartig langfristigen Prognosen zu halten ist, wenn man die Fehlerquoten des Sachverst\u00e4ndigenrates und anderer Institutionen betrachtet, die bei einem Prognosezeitraum von nur einem einzigen Jahr auftreten. Daran gemessen l\u00e4ge der angebliche TTIP-Effekt noch im Bereich der Standardabweichung normaler Wachstumsprognosen. Prognosen f\u00fcr einen so gro\u00dfen Wirtschaftsraum \u00fcber einen so langen Zeitraum mit so vielen aus den Rechnungen eliminierten Variablen und Unw\u00e4gbarkeiten \u2013 das ist kaum mehr als der Blick in eine Glaskugel, nur dass diese sich heutzutage zum Beispiel \u201eDSGE-Model\u201c oder \u201eHochrechnung\u201c nennt. Dabei ist TTIP noch nicht einmal beschlossen und die Details des Vertrages, so er denn geschlossen w\u00fcrde, sind noch nicht klar. Den Erstellern der zitierten Studien kann man das kaum vorhalten, denn diese kennen die im Kleingedruckten dokumentierten Grenzen und Voraussetzungsabh\u00e4ngigkeit ihrer Rechnungen in aller Regel.<\/p>\n<p>Wenn TTIP-Bef\u00fcrworter in ihren Brosch\u00fcren stets die euphorischsten Sch\u00e4tzungen als \u201eFakten zu TTIP\u201c pr\u00e4sentieren, dann kann man das wohlwollend noch als Lobbyarbeit verstehen, die ganz auf die Naivit\u00e4t eines Lesers setzt, der den Unterschied zwischen \u201evager Sch\u00e4tzung\u201c und \u201eFakt\u201c nicht kennt (geschweige denn den Unterschied zwischen einem Erwartungswert und dem oberen Rand eines Konfidenzintervalls) und auf dessen Ehrfurcht vor \u201eWirtschaftsexperten\u201c man noch setzen kann. Sie k\u00f6nnen sich auch damit herausreden, dass sie jede Zahl mit dem Zusatz \u201ebis zu\u201c versehen (beim Leser werden trotzdem \u201e100 Milliarden Euro\u201c im Ged\u00e4chtnis bleiben und nicht der Gedanke, dass es auch \u201eNull\u201c sein k\u00f6nnten). So formuliert, muss man dann dem TTIP-Gegner nicht einfach konzedieren, Chancen und Risiken anders einzusch\u00e4tzen als man selbst, sondern kann ihm vorhalten \u201edie Fakten zu ignorieren\u201c, w\u00e4hrend man selbst zur \u201eVersachlichung\u201c der Diskussion beitrage. Das mag perfide sein, beleidigt aber zumindest nicht die Intelligenz der Brosch\u00fcren-Schreiber und PR-Strategen. Unterstellt man weniger wohlwollend, dass die Autoren selbst an die Faktizit\u00e4t glauben, so muss man wohl an deren Fachexpertise zweifeln.<\/p>\n<p>Nun kann man auch TTIP-Gegnern nicht unbedingt attestieren, dass sie stets die Sachwalter k\u00fchler Vernunft und sachlich-differenzierter Darstellung sind. Im medialen Kampf um Meinungshoheit ist das vermutlich nicht gerade eine Schl\u00fcsselkompetenz. Daher sollte man immer genauer hinschauen, wenn sich jemand zum Anwalt von Vernunft und Sachlichkeit aufschwingt, indem er am h\u00e4ufigsten das Worten \u201eFakten\u201c im Mund f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Kritik von Foodwatch mussten BDI und INSM ihre Zahlen zu den positiven Effekten von TTIP korrigieren, andere Institutionen zieren sich noch. Die fehlerhafte Darstellung von Ergebnissen aus Studien ist eine Sache, die Orientierung am optimistischen oberen Rand der Sch\u00e4tzungen dieser Studien ist eine andere. 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