{"id":119,"date":"2014-03-19T09:51:16","date_gmt":"2014-03-19T08:51:16","guid":{"rendered":"https:\/\/mapa.fornax.uberspace.de\/?p=119"},"modified":"2020-02-21T13:38:34","modified_gmt":"2020-02-21T12:38:34","slug":"freihandelsabkommen-ttip-kopfschuetteln-aus-dem-hoersaal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jenecon.uber.space\/wordpress\/?p=119","title":{"rendered":"Freihandelsabkommen TTIP: Kopfsch\u00fctteln aus dem H\u00f6rsaal"},"content":{"rendered":"<p>Im ersten Semester eines Wirtschaftsstudiums lernt man etwas \u00fcber Pr\u00e4ferenzen von Menschen und die Knappheit der G\u00fcter, und dass eine Gesellschaft Mechanismen entwickelt, wie knappe Mittel auf konkurrierende Verwendungsm\u00f6glichkeiten m\u00f6glichst effizient aufgeteilt werden k\u00f6nnen (Allokation). Man lernt, welche Vorz\u00fcge der Mechanismus \u201ewettbewerblicher Markt\u201c dabei in einer arbeitteiligen Gesellschaft hat, aber auch, dass alle denkbaren Allokationsmechanismen ihre Vor- und Nachteile haben, und Gesellschaften daher stets durch eine Mischung verschiedener Mechanismen charakterisiert sind. Im Fall des Marktes etwa lernt man, dass die Bildung von Marktmacht, externe Effekte sowie Informationsasymmetrien die Funktionsf\u00e4higkeit von M\u00e4rkten beeintr\u00e4chtigen. Staatliches Handeln kann sich folglich nicht nur auf das Schaffen der institutionellen Voraussetzungen freier M\u00e4rkte beschr\u00e4nken, sondern sollte auch durch Regulierung und Kontrolle die Funktionsf\u00e4higkeit von M\u00e4rkten verbessern. Dabei beruht der Bewertungsma\u00dfstab \u2013 die Effizienz \u2013 letzten Endes auf den Pr\u00e4ferenzen der Menschen, welche diese Gesellschaft und ihre Allokationsmechanismen organisieren. So weit, so gut.<\/p>\n<p>Nun sind die Pr\u00e4ferenzen der Menschen vielschichtig. Ihnen geht es nicht nur um ihr m\u00f6glichst billiges Schnitzel. Sie interessieren sich auch f\u00fcr Inhaltsstoffe und technische Standards, sie interessieren sich f\u00fcr Fragen der Verteilung und sozialen Gerechtigkeit, sie interessieren sich Fragen der \u00f6kologischen und Arbeitsstandards bei der Produktion. In einer zunehmend arbeitsteiligen Wirtschaft mit fein zerlegten und \u00fcber den Globus verteilten Produktionsstufen wird es daher st\u00e4ndig schwieriger, die Folgen der eigenen Entscheidungen absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Pr\u00e4ferenzen beziehen sich nun mal aber auf eine indivieuelle Bewertung der Entscheidungsfolgen, das ist der Kern des \u00f6konomischen Verst\u00e4ndnisses von Rationalit\u00e4t. Man kann es auch so ausdr\u00fccken: in einer arbeitsteiligen globalisierten Produktionsweise wird es immer schwieriger, rationale, d.h. pr\u00e4ferenzgerechte Entscheidungen zu treffen, die Informationsasymmetrie nimmt strukturell zu. Man tr\u00e4gt mit seinen Entscheidungen zu Konsequenzen bei, die man eigentlich ablehnt, es herrscht eine \u201eorganisierte Unverantwortlichkeit\u201c (Ulrich Beck).<\/p>\n<p>Nun haben wir Informationsasymmetrien aber als eine der Funktionsdefinizite wettbewerblicher M\u00e4rkte herausgestellt. Seit den 1970er Jahren ist dieses fundamentale Problem ein Standard in der \u00f6konomischen Analyse. Der Abschied vom \u201eallwissenden\u201c Akteur hat zu zahlreichen interessanten \u00f6konomischen Einsichten gef\u00fchrt. Letztlich kann man praktisch alle regulatorischen Ma\u00dfnahmen, welche Funktionsdefizite vor allem aufgrund dieser Informationsprobleme mildern sollen \u2013 von der T\u00dcV-Plakette zur Inhaltsstoffangabe bei Lebensmitteln, von Finanzmarktregulationen bis zum Verbot von krebserregenden Farben bei Kinderspielzeug, von Tierschutzvorschriften bis zum EU-\u00d6kolabel \u2013 als Ma\u00dfnahmen zur Effizienzverbesserung von M\u00e4rkten verstehen.<\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Konsens kann sich auch mit der Zeit ver\u00e4ndern und somit auch der Bedarf an Art und Umfang regulatorischer Eingriffe. Es ist aber eine haneb\u00fcchene Fehlinterpretation von \u00d6konomik, solche Dinge wie Verbraucherschutz, Arbeits-, Tier- oder Umweltschutz als \u201ewirtschaftsfremde Themen\u201c abzukanzeln, welche die Debatte um eine Liberalisierung des Handels \u201enicht zu fr\u00fch \u00fcberlagern\u201c solle, wie es eine Stellungnahme der IHK Bayern zum Freihandelsabkommen mit den USA formuliert. Wie bitte? Das <em>ist<\/em> Wirtschaft. Solche Regularien zeigen an, wie die Menschen in einer Gesellschaft leben wollen, welche Anspr\u00fcche ihre souver\u00e4nen Individuen nicht nur an die G\u00fcter, sondern auch an ihre Produktionsweise haben. Dies dr\u00fcckt ihre Pr\u00e4ferenzen aus!<\/p>\n<p>Insofern spiegelt die vielfach ge\u00e4u\u00dferte Kritik an den (voraussichtlichen, teilweise vielleicht aber auch vermeintlichen) Konsequenzen des Handelsabkommens keinen Zielkonflikt zwischen wirtschaftlichen und \u201esonstigen\u201c Zielen wider. Es ist ein Konflikt \u00f6konomischer Interessen. Wenn ein amerikanischer Vertreter (Stuart Eizenstat, Transatlantic Business Council) etwa meint, die Europ\u00e4er w\u00fcrden es mit dem Verbraucherschutz bei Lebensmitteln \u00fcbertreiben, denn \u201ewas gut f\u00fcr eine amerikanische Familie ist, ist auch gut f\u00fcr eine europ\u00e4ische\u201c, dann spricht hier kein Fachmann f\u00fcr Marktwirtschaft, sondern jemand, der das Konzept der Konsumentensouver\u00e4nit\u00e4t und der Handlungsrationalit\u00e4t, mithin also die Grundlagen der Funktionsf\u00e4higkeit wettbewerblicher M\u00e4rkte nicht richtig verstanden hat. Es ist jemand, der paternalistisch in die Pr\u00e4ferenzen souver\u00e4ner Individuen einzugreifen gedenkt, dies jedoch im Namen von Freiheit und Wettbewerb. Vermutlich h\u00e4ngt auch er dem laienhaften Aberglauben vieler Lobbyisten an, dass das, weas Umsatz und Gewinn sprudeln l\u00e4sst, auch volkswirtschaftlich effizient sei. Nun ja, \u00f6konomische Interessen zu vertreten setzt ja nicht zwingend \u00f6konomischen Sachverstand voraus.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Regierungen werden nicht m\u00fcde zu beteuern, dass es bei europ\u00e4ischen Standards keine Abstriche geben wird und keine Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner angestrebt sei. Das mag glauben wer will. Die Neigung zu Naivit\u00e4t ist bei Politikern nicht anders verteilt als auch sonst in der Bev\u00f6lkerung. Da der Hauptgegenstand der Verhandlungen aber der Abbau nicht-tarif\u00e4rer Handelshemmnisse ist \u2013 und damit ist nicht nur der Abbau von etwas B\u00fcrokratie bei Export- und Importgenehmigungen gemeint \u2013 ist es aber doch wohl mehr als naheliegend, dass es sehr wohl um eine Angleichung von Standards geht. Schl\u00fcsselbegriffe wie \u201eHarminisierung\u201c und \u201eKonvergenz\u201c in den offiziellen Dokumenten unterstreichen das. Jedoch: unsere Spielregeln dr\u00fccken unsere Pr\u00e4ferenzen aus, eure Spielregeln dr\u00fccken eure Pr\u00e4ferenzen aus. Ist jemand \u00f6konomisch beim jeweiligen Partner aktiv, h\u00e4lt er sich an dessen Spielregeln. Klar ist dies ein wenig l\u00e4stig f\u00fcr den, der mit m\u00f6glichst wenig Transaktionskosten viel Geld verdienen will. Aber jeder hat f\u00fcr seine Regeln Gr\u00fcnde. Und diese Gr\u00fcnde sind nicht \u201ewirtschaftsfremd\u201c, sie sind begr\u00fcndet in den Funktionsdefiziten von M\u00e4rkten aufgrund von Informationsasymmetrien. Letztlich helfen sie dem Markt das zu tun, was er tun soll: eine Allokation herbeizuf\u00fchren, wie sie den Pr\u00e4ferenzen <em>ihrer<\/em> B\u00fcrger entspricht.<\/p>\n<p>Die TTIP-Verhandlungen bieten noch mehr Anl\u00e4sse f\u00fcr Kopfsch\u00fctteln ob des laienhaften Verst\u00e4ndnisses von Marktwirtschaft \u2013 Stoff f\u00fcr weitere Blogs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Semester eines Wirtschaftsstudiums lernt man etwas \u00fcber Pr\u00e4ferenzen von Menschen und die Knappheit der G\u00fcter, und dass eine Gesellschaft Mechanismen entwickelt, wie knappe Mittel auf konkurrierende Verwendungsm\u00f6glichkeiten m\u00f6glichst effizient aufgeteilt werden k\u00f6nnen (Allokation). 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